Lästige Pflicht war gestern – so haben  Kinder Spaß am Zähneputzen

Gerade für die „Generation Naschkätzchen“ ist das richtige und regelmäßige Zähneputzen wichtiger denn je. Denn aktuelle Studien belegen, dass bereits jedes zweite sechsjährige Kind Kariesschäden hat. Univ. Prof. Dr. Katrin Bekes, Chefin der Kinderzahnheilkunde an der Medizinischen Universität Wien, verrät Tipps und Tricks, wie Kinder Spaß am Zähneputzen bekommen und den Zahnarztbesuch nicht fürchten.

Kind hat Spaß am Zähneputzen

Die Studien sind alarmierend: Im Durchschnitt kommen österreichische Kinder mit 3,7 Jahren erstmals zum Zahnarzt oder zur Zahnärztin, und 40 Prozent von ihnen brauchen schon beim Erstbesuch wegen Karies eine sofortige Intervention. Beim Eintritt in die Volksschule hat bereits jedes zweite Kind in Österreich Karies-bedingte Zahnschäden. Zahlen, die den Schluss nahelegen, dass es bei der Zahnhygiene sehr viel Luft nach oben gibt.

Nun weiß jede Mutter und jeder Vater, dass Kinder das Zähneputzen oft als lästige Pflicht sehen, vor der sie sich gerne drücken würden oder die sie nur widerwillig über sich ergehen lassen. Das muss aber nicht so sein, sagt Bekes: „Es gibt viele Möglichkeiten, für Kinder einen Spaßfaktor einzubauen und sie dazu zu bringen, dass sie sich auf das Zähneputzen sogar freuen.“

Mit Musik putzt es sich gleich fröhlicher

Man muss nur ein wenig kreativ sein und auf die Vorlieben der Kinder eingehen. So kann man sie (natürlich nur als Trockenübung) ihrem Lieblings-Stofftier die Zähne putzen lassen, ehe es dann bei ihnen selbst zur Sache geht. Auch Musik hilft dabei, der Sache einen fröhlichen Touch zu geben: Entweder man singt dem Kind beim Zähneputzen etwas vor oder spielt sein Lieblingslied ab. „Egal, was man sich einfallen lässt: Wichtig ist, die Anreize zum Zähneputzen zu einem alltäglichen Ritual zu machen“, sagt Bekes. 

Eingebunden sollten die Kleinen bereits in den Kauf ihrer Zahnbürste werden, denn auch die Lieblingsfarbe oder ein cooles Motiv auf der Bürste steigern die Freude. Wobei einbinden überhaupt eine Zauberformel ist: Gemeinsam mit Mama, Papa oder einem Geschwisterkind ist Zähneputzen gleich viel lustiger, als allein im Kindermund herumzustochern.

Früh beginnen, lang begleiten

Stichwort allein: Das Nachputzen durch einen Elternteil wird bis zum neunten Lebensjahr empfohlen, denn es geht ja nicht nur darum, eine Zahnbürste in den Mund zu stecken, sondern um die korrekte Zahnreinigung. Die kann man Kindern mit der sogenannten KAI-Technik nahebringen:
Das K steht für den ersten Schritt, das Schrubben der Kauflächen – etwas, das Kinder schon sehr früh gut können. Ab vier Jahren, wenn Kinder Kreise auf Papier malen können, kann man ihnen das A beibringen – die Außenflächen der Zähne mit kreisenden Bewegungen zu putzen. Und ab dem Volksschulalter geht auch das I, das Reinigen der Innenflächen, schon ganz gut.

Die Frage, wann Eltern bei ihren Kleinen mit dem Zähneputzen beginnen sollen, ist rasch und einfach beantwortet: „Mit dem ersten Zahn“, so Bekes. Allerspätestens zu diesem Zeitpunkt sollte auch der erste Zahnarztbesuch erfolgen, sagt die Zahnmedizinerin: „Denn es geht auch darum, sich die Mundhöhle anzuschauen, einen ersten Kontakt mit den Eltern aufzubauen und diesen auch Tipps für die Zahnpflege und in Ernährungsfragen zu geben. Erst zum Zahnarzt zu gehen, wenn etwas weh tut, ist deutlich zu spät.“

Kinderzahnpasta und weiße Füllung

Viele Eltern fragen sich, ob es unbedingt notwendig ist, eine eigene Kinderzahnpasta zu verwenden, und das ist mit einem Ja aus zwei Gründen zu beantworten. Erstens ist der Fluorid-Anteil in Erwachsenen-Zahncremes für Kinder zu hoch dosiert, und zweitens ist sie den Kleinen schlicht zu scharf. Und wenn man etwas ohnehin nicht so besonders gern tut, sollte es im Mund wenigstens gut schmecken.

Gut zu wissen

Hat der Karies-Teufel einmal zugeschlagen, bekommen Kinder auf jeden Fall eine, wie es im Volksmund heißt, „weiße Füllung“. Meist auf Zementbasis, weil das als Kassenleistung vereinbart ist, aber es gibt auch die Möglichkeit, minimalinvasiv mit Kunststoffen zu arbeiten. Das kostet aber extra und erfordert ein größeres Aufmerksamkeitsfenster bei den Kindern, weil es länger dauert.

Niemals „keine Angst vorm Zahnarzt“ sagen

Wie man Kindern die Angst vorm Zahnarzt nimmt, ist ebenfalls leicht beantwortet: Indem man sie ihnen erst gar nicht macht, denn von sich aus haben sie die nicht. Ganz verkehrt ist hier der Satz „Du musst keine Angst vorm Zahnarzt haben“, Zahnärztin Bekes erklärt auch warum: „Kinder können mit verneinenden Sätzen nichts anfangen. Die nehmen nur die Begriffe Angst und Zahnarzt auf und fragen sich, warum das so thematisiert wird.“ 

Der Tipp der Expertin: Kinder spielerisch und mit einschlägigen guten Kinderbüchern neugierig auf den Zahnarztbesuch machen – und ihnen auf jeden Fall erlauben, zum Beispiel das Lieblingsspielzeug oder -stofftier mitzunehmen. Denn eine gute Ärztin oder ein guter Arzt wird das in die Behandlung einbauen und damit gleich zu Beginn eine angenehme Atmosphäre schaffen.

Zusammengefasst:

Kinder brauchen einen spielerischen, angenehmen Zugang zur Zahnhygiene, also darf das Zähneputzen getrost mit Musikbegleitung oder gemeinsam mit Geschwistern oder Stofftieren stattfinden. Wichtig ist, die Kinder Schritt für Schritt an die richtige Reinigung heranzuführen und sie dabei lange, etwa bis zum 9. Lebensjahr, zu begleiten. Zum Zahnarzt sollte man allerspätestens ab dem ersten Zahn gehen.

Univ. Prof. Dr. Katrin Bekes
Univ. Prof. Dr. Katrin Bekes verrät Tipps und Tricks, wie Kinder Spaß am Zähneputzen bekommen und den Zahnarztbesuch nicht fürchten.

Zur Person

Univ.-Prof. Dr. Katrin Bekes ist Fachbereichsleiterin für Kinderzahnheilkunde an der Universitätszahnklinik in Wien. Davor war die gebürtige Deutsche Oberärztin an der Universitätspoliklinik für Zahnerhaltungskunde an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bekes ist darüber hinaus Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Zahnmedizin. Seit 2018 veröffentlichte sie vier Fachbücher, ihr fünftes über Kinderzahnheilkunde erscheint im November 2022.

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