Clevere Mobilität im Winter: Sicher unterwegs, auch ohne Auto
Wenn die Temperaturen sinken und die ersten Schneeflocken fallen, greifen viele automatisch zum Autoschlüssel. Auf dem Land, wo Bus und Bahn selten fahren, fühlt man sich ohne Pkw schnell verloren. Laut klimaaktiv-mobil-Experte Niklas Schönböck kann dieser Eindruck täuschen.
„Jeder dritte Alltagsweg in Österreich ist kürzer als 2,5 Kilometer, jeder zweite kürzer als fünf Kilometer. Diese Distanzen eignen sich perfekt für das Zufußgehen oder das (E-)Fahrrad“, erklärt Schönböck, Voraussetzung dafür sind jedoch eine sichere Infrastruktur und ein verlässlicher Winterdienst. Beides ist in ländlichen Gebieten nicht immer gegeben.
Aktive Mobilität im Winter: International bewährt
Radfahren und Gehen sind keine reinen Sommeraktivitäten. In Oulu (Finnland) erreicht der Radverkehrsanteil selbst bei Schnee rund 12 Prozent. Auch in Österreich wird die aktive Mobilität im Winter keineswegs eingestellt: Laut dem „Report Aktive Mobilität 2024“ gehen 88 Prozent der Menschen auch bei Kälte zu Fuß und 39 Prozent nutzen weiterhin das Fahrrad. Wer seine Gewohnheiten ändern möchte, sollte laut Schönböck klein beginnen: „Einmal pro Woche den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen zu Fuß oder mit dem Rad absolvieren. Am besten wählt man dafür den schönsten Tag der Woche.“
Für zusätzliche Motivation sorgen Aktionen wie das „Winterradeln“, bei denen man auch in der kalten Jahreszeit bewusst Kilometer sammelt und so leichter am Radfahren dranbleibt.
Gut ausgerüstet: Sicherheit zu Fuß oder per Rad
Damit Bewegung im Winter Freude macht, ist die richtige Ausrüstung entscheidend. Schönböck empfiehlt vor allem Schlauchschal, dicke Handschuhe und das Zwiebelprinzip: mehrere atmungsaktive Schichten unter einer wind- und wasserabweisenden Jacke. Für diese Basisschichten eignen sich Stoffe wie Merinowolle, Funktionsmaterialien auf Polyesterbasis oder Mischgewebe mit Elasthan. Sie transportieren Feuchtigkeit nach außen, halten warm und verhindern, dass man auskühlt. „Wer zu dick angezogen losfährt, schwitzt schneller und kühlt aus.“
„Bei schlechten Wetterverhältnissen ist Sichtbarkeit entscheidend“, betont Schönböck. Helle Kleidung, Reflektorbänder und gut positionierte Beleuchtung helfen enorm. Vor allem im Winter, wenn es früh dunkel wird und Nebel keine Seltenheit ist, kann dies lebenswichtig sein. Glatteis tritt zwar nur an wenigen Tagen auf, dennoch gilt: lieber langsam und defensiv unterwegs sein. Egal ob zu Fuß oder am Rad.
- Regelmäßige Kettenpflege, weil Salz und Matsch stark belasten. Schon ein kurzes Abwischen nach der Fahrt und gelegentliches Nach ölen verhindern Rost und verlängern die Lebensdauer der Kette deutlich.
- Reifen mit gutem Profil oder reduzierter Reifendruck für bessere Haftung.
Ein leicht abgesenkter Reifendruck (bis zum auf dem Reifen angegebenen Mindestwert) vergrößert die Auflagefläche und sorgt für mehr Grip. Bei häufigen Schnee- oder Eisfahrten lohnt sich ein spezieller Winter- oder Ganzjahresreifen. - Gute Front- und Rücklichter mit ausreichend Leuchtdauer.
Im Winter wird es früher dunkel und oft bleibt die Sicht durch Nebel oder Schneefall länger schlecht. Lichter mit hoher Leuchtdauer – idealerweise USB-akkubetrieben – erhöhen Sicherheit und Sichtbarkeit. - Bei Glatteis: Tempo reduzieren oder Spikereifen nutzen.
Glatte Stellen erkennt man oft erst spät. Langsamer fahren, nicht abrupt lenken oder bremsen und besonders Kurven vorsichtig nehmen. Wer regelmäßig bei Eis unterwegs ist, findet in Spikereifen die sicherste Lösung, sie bieten selbst auf blankem Eis guten Halt.
Wintertaugliche Wege, so funktionieren Alternativen
Gute Bedingungen machen aktive Mobilität attraktiv: geräumte und beleuchtete Geh- und Radwege, getrennte Infrastrukturen sowie witterungsgeschützte Haltestellen. Öffentliche Verkehrsmittel spielen besonders an kalten Tagen eine wichtige Rolle. Doch gerade in ländlichen Regionen bestehen laut Schönböck „noch große Lücken im Angebot“. Planungshilfen wie die ÖV-Güteklassen zeigen Gemeinden, wie gut Bus- und Bahnangebote in bestimmten Gebieten erreichbar sind, und wo es Verbesserungen braucht. Um flexibel zu bleiben, empfiehlt Schönböck: „Das Wetter beobachten, spontan entscheiden und immer einen Plan B parat haben. Bei Glatteis lieber Bus statt Rad, bei dichtem Nebel lieber zu Fuß als mit dem Auto.“ Apps wie wegfinder oder AnachB helfen dabei, schnell die beste Route zu finden.
Auto als Plan C: Winterfit auf vier Rädern
So wichtig nachhaltige Mobilität ist, Schönböck betont auch: „Es geht nicht darum, das Auto komplett zu vermeiden, sondern bewusst zu überlegen, wann es wirklich notwendig ist.“ Auf dem Land sind Alternativen oft begrenzt. In solchen Fällen zählt vor allem Sicherheit. Für stressfreies Autofahren bei winterlichen Bedingungen ist es wichtig, vorausschauend unterwegs zu sein.
Da Bremswege auf Schnee oder Eis deutlich länger sind, hilft ein reduziertes Tempo ebenso wie ein großzügiger Sicherheitsabstand, vor allem auf Straßen, die noch nicht gestreut oder gesalzen wurden. Bei Nebel bleibt das Abblendlicht Pflicht, während die Nebelschlussleuchte wirklich nur bei Sichtweiten unter 50 Metern eingeschaltet werden darf, um andere Verkehrsteilnehmende nicht zu blenden. Grundsätzlich gilt: sanft lenken, ruhig bremsen und ruckartige Bewegungen vermeiden, um ein Ausbrechen des Fahrzeugs zu verhindern. Zusätzlich empfiehlt es sich, den Straßenzustand im Blick zu behalten – ob Schnee, Matsch oder Salz – und die Route vorab zu überprüfen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.
- Winterreifen: Reifen mit mindestens vier mm Profil sind im Winter unverzichtbar. Sie sorgen für bessere Haftung auf Schnee, Matsch und kaltem Asphalt. Per Gesetz sind sie zwischen 1. November und 15. April bei winterlichen Fahrbedingungen vorgeschrieben. Wer keine Winterreifen hat, muss in dem Fall das Auto auf jeden Fall stehenlassen.
- Batterie: Kälte reduziert die Leistungsfähigkeit deutlich. Ein kurzer Batterietest in der Werkstatt verhindert böse Überraschungen beim Starten.
- Frostschutz & Scheibenwischer: Ausreichend Frostschutz in der Scheibenwaschanlage sorgt dafür, dass die Düsen nicht zufrieren. Gut funktionierende Wischerblätter sind wichtig, um bei Schneeregen oder Salzspritzern klare Sicht zu behalten.
- Lichter: Alle Leuchten sollten regelmäßig geprüft werden. Dazu zählen Abblendlicht, Rücklichter, Nebelscheinwerfer und die Nebelschlussleuchte.
- Notfallset: Eine warme Decke, Stirnlampe, Eiskratzer, Starthilfekabel und eine kleine Portion Streusand helfen in vielen winterlichen Situationen, ob bei Staus, vereisten Parkplätzen oder einer schwachen Batterie.
Wintermobilität verlangt vor allem Flexibilität. Schönböck betont auch: „Es geht nicht darum, das Auto komplett zu verzichten, sondern darum bewusste Entscheidungen zu treffen. Nutze ich das Auto aus reiner Gewohnheit oder kann ich die Strecke wirklich nicht anders zurücklegen?“ Viele Alltagswege lassen sich mit guter Ausrüstung und gut gepflegten Geh- und Radwegen auch in der kalten Jahreszeit problemlos aktiv zurücklegen. Das tut einerseits der Gesundheit gut und reduziert andererseits Emissionen. Gleichzeitig bleibt das Auto dort wichtig, wo Alternativen fehlen. Am Ende geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um einen bewussten Mobilitätsmix, der zu Wetter, zur Strecke und zum Alltag passt.
Zur Person
Niklas Schönböck ist Mobilitätsexperte bei klimaaktiv mobil. Er beschäftigt sich mit nachhaltiger Alltagsmobilität, aktiven Verkehrsformen und Maßnahmen, die Gemeinden und Menschen dabei unterstützen, klimafreundlich unterwegs zu sein.