Durchatmen, Männer

In der Pubertät lernen viele Burschen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Wie Achtsamkeit Männern helfen kann, wieder mehr zu sich zu finden – und gelassener zu werden.

mann macht yoga
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„Jetzt dehnen wir noch ein bisschen die Hüften“, sagt der Yogalehrer, „gerade für uns Männer ist das wichtig.“ Fünf barfüßige Männer auf der Matte versuchen behäbig, Folge zu leisten. Bei Frauen sieht das meist anders, besser aus. Keine Sorge, beruhigt Lehrer Jakob Horvat (34) danach, es ist ganz natürlich, dass Männer ihre Beine nicht so einfach dehnen können.  

Jakob ist für das ungewöhnliche Bild – für den Versuch „Männeryoga“ – verantwortlich. An diesem Montag dürfen nur Männer an seiner Yogastunde im 6. Wiener Gemeindebezirk teilnehmen. Er hofft, dass er damit mehr Männer für die Yoga-Praxis begeistern und Vorurteile abbauen kann. Und einer der Teilnehmer erzählt nach der Stunde tatsächlich, dass er hier – ohne Frauen – weniger Druck spüre, sich beweisen zu müsse. Und nicht der einzige Mann des Kurses zu sein, erleichtert wohl auch den Sprung in die fremde Yoga-Welt.  

Jakobs Yogastunden unterscheiden sich didaktisch aber nicht von gewöhnlichen Einheiten großer Studios, die mehrheitlich Frauen in Anspruch nehmen. Es brüllt auch keiner herum. Keiner macht Macho-Sprüche, keiner verlangt ein härteres Programm.

Yoga-Kleidung für Männer? Überschaubar.

Die noch beschauliche Mode-Industrie für männliche Yoga-Bekleidung ist nicht der einzige Beleg dafür, dass die Wörter Achtsamkeit und Männer eher selten in einem Satz vorkommen. Sogar Jakob Horvat hat Yoga lange als „Frauensport“ verschmäht: „Ich bin wie viele Männer regelmäßig ins Fitness-Studio gegangen. Yoga war mir zu soft, zu weiblich.“ An ihm hafteten Vorurteile, wonach es sich bei Achtsamkeit um religiösen oder esoterischen Klamauk handeln würde.  

Seine Meinung ändert sich radikal, als er vor einigen Jahren ungeplant einmal Yoga ausprobiert. „Ich habe gestrahlt und beim Rausgehen – total verschwitzt – die Yogalehrerin umarmt“. Es bleibt nicht bei einer Einheit: Jakob gibt seine Karriere als ORF-Journalist auf, macht in Indien eine Ausbildung zum Yogalehrer und bilanziert heute: „Früher habe ich jahrelang mein Glück in der Außenwelt gesucht. Ich habe mit Partys und Konsum versucht, meine inneren Schwächen, mein mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren.“ Er versuchte sich von seinem Innenleben „abzulenken“. Er habe die „Wahrnehmung für sich selbst verlernt“. 

Unterdrückte Gefühle 

Die Wahrnehmung für die eigenen Gefühle ist keine Fähigkeit, die nur Frauen beherrschen, ist sich nicht nur Jakob sicher. Auch der Wiener Psychotherapeut Heinrich Kraus spricht vom Verlernen während der Pubertät: „Männer lernen in ihrer Sozialisierung häufig, ihre Verletzlichkeit und Verletztheit zu überspielen. Ein Bursche wird bei uns also dann zum Mann, wenn er sich die Tränen verkneift. „Frauen hingegen lernen eher diese Verletzlichkeit zu äußern, um Nähe zu bekommen, sagt Kraus. 

Durch das Verkneifen der Tränen verschwinden die Gefühle aber nicht, warnt Kraus: „Das ist ein großer Irrtum!“. Die schmerzvollen Emotionen würden dann nämlich im Unterbewussten ihr Unwesen treiben. Wie das? Diese Männer sind „Häferln“, scherzt Kraus wienerisch, sie gehen leicht über. Sie würden schlechter mit Stress umgehen, scheinbar grundlos ausrasten und bei Überforderung vielleicht sogar gewalttätig werden. 

Mit Achtsamkeit mehr Herr seiner selbst werden 

Wir können aber lernen, Wut – oder alltäglicher – den Stress und die Unruhe hinter uns zu lassen. „Achtsamkeit kann helfen“, sagt Kraus, „meine unterdrückten Gefühle wieder zu erkennen“. 

Kraus ist kein Theoretiker, der den Menschen eine Lehre aufdrücken will. Er sieht in seiner Praxis nur, dass die Übungen funktionieren. Er greift nicht nur bei seinem Job in der Männerberatung Wien zu Themen der Achtsamkeit, sondern auch bei seinen Besuchen bei Gewaltstraftätern in österreichischen Gefängnissen. Wirklich? Sie üben im „Häfn“ liebevolles Atmen? Ja, lacht Kraus, das werde sehr gut angenommen.  

Auf Vorurteile stößt er dabei nicht – wohl auch weil er aufgeladene Stichwörter wie „Meditation“ oder „Achtsamkeit“ vermeidet, sondern einfach anweist, bewusst zu atmen und den eigenen Körper zu spüren. Vielen Häftlingen tue das gut: Zuerst der Entspannung wegen, später weil einige Halt darin finden. Kraus vertraut dabei auf die Lehren des „Mind-Based-Stress-Reduction“-Programms, das auch in vielen Gefängnissen anderer Länder angewendet werde.  

Man könnte diese Anekdoten als krasse Ausnahmefälle abtun. Aber einerseits spricht es für die Qualität der Übungen, wenn Psychologen staatlicher Einrichtungen bei Krisenfällen auf Achtsamkeit vertrauen. Andererseits könne man auch für den Alltag viel davon lernen, so Kraus, der zu einem Test einlädt: „Viele Menschen werden in emotionalen Situationen lauter. Sind Sie ein achtsamer Menschen und erkennen jedes Mal, wenn ihre Stimme anhebt?“. 

Psychische Widerstandsfähigkeit

Achtsamkeitsübungen helfen aber nicht nur, Informationen über den eigenen Körper zu gewinnen. Die Inneren Haltungen, die über viele dieser Kurse vermittelt werden, erhöhen bewiesenermaßen die psychische Widerstandsfähigkeit, erklärt Kraus. Diese Menschen sind also im Alltag ausgeglichener und können mit Stress besser umgehen.  

Oder um es mit Jakob Horvats Worten zu sagen: „Wenn ich selbst eine Freude mit meinem Leben habe und in der Früh mit dem Gedanken 'Was ist für ein herrlicher Tag!’ aufstehe, dann schnauze ich nicht die Leute auf der Straße an, sondern grüße sie freundlich.“ Und: „Ich bin einfühlsamer, verständnisvoller und entschuldige mich eher.“ 

Was macht Kraus eigentlich mit Leuten wie dem früheren Jakob, die auf Achtsamkeit allergisch reagieren und das Sprechen über Gefühle als „unmännlich“ wegwischen? „Ich versuche, ihr männliches Narrativ umzulenken, indem ich ihnen vom Motto der militärischen Elite-Einheit ‚US Marines Corps‘ erzähle.“ Wie lautet es? „Embrace the Suck! Umarme das Scheußliche! Stelle dich deinen Gefühlen, deinem inneren Schmerz!“ 

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