Digitale Therapien: Kostengünstige Rundum-Betreuung
Gerade in der Behandlung chronisch kranker Menschen spielen digitale oder digital unterstützte Therapien zukünftig eine entscheidende Rolle. Durch sie lässt sich das Zusammenspiel von Patient:innen und Ärzt:innen, medizinischen Geräten, Medikamenten und Interventionen effizient und kostengünstig steuern.
10.1.2022 Alexandra Wimmer · 4 Min. Lesezeit


„Digitale Therapien setzen sich in der hybriden Form, einer Mischform aus Arzt und Computer, durch“, schickt Elgar Fleisch, Professor für Informations- und Technologiemanagement und UNIQA Aufsichtsrat, in seinem Buch „Die digitale Pille“ voraus. „Sie ersetzen keine Ärzte, vergrößern allerdings deren Wirkungsraum.“ Die Vorteile liegen auf der Hand: „Digitale Therapien können überall und jederzeit die bestmögliche Behandlung bieten, den sogenannten Goldstandard. Sie erhöhen somit kontinuierlich die Qualität von Behandlung und Selbstbehandlung und reduzieren das Risiko von Behandlungen, die nicht dem Stand des Wissens entsprechen.“
Begleiter durch ein gesundes Leben
In Zukunft werden digitale Therapien mit der gleichen Selbstverständlichkeit verschrieben werden wie Medikamente. Als „neue, andere Art der Krankheitsbegleitung“ verbessern sie die Therapiequalität insbesondere außerhalb des Krankenhauses deutlich. „Sie ermöglichen eine kontinuierliche Betreuung, eine hochfrequente Rückkopplung von kritischen Messwerten sowie das aktive Rufen eines Arztes“, unterstreicht Fleisch.
Medikamente entfalten ohne dazugehörige (digitale) Therapie oft nicht ihre optimale Wirkung. „Ein Gesundheitsdienstleister, der keine digitale Begleitung anbietet, wird ein zweitklassiger Gesundheitsdienstleister“, ist Fleisch überzeugt. Auch sind digitale Therapien deutlich günstiger als traditionelle. „Sie helfen, den Zugang zu Spitzenmedizin global zu demokratisieren."
Management chronischer Krankheiten ist aufwändig
Das alltägliche Management einer chronischen Krankheit ist aufwändig. Dank digitaler Möglichkeiten können etwa regelmäßige Untersuchungen und Behandlungen optimiert bzw. reduziert werden. Ohne „Rund-um-die-Uhr-Begleitung“ der Patient:innen nutzen sich die guten Vorsätze, mit denen man die Arztpraxis verlassen hat, meist innerhalb weniger Tage ab. Ein digitaler Coach wirkt dem entgegen und unterstützt dabei, den Lebensstil nachhaltig zu ändern. In der neuen Welt der digitalen Medizin erhalten Patient:innen beim ersten Besuch vom Arzt oder von der Ärztin neben einem Rezept für ein klassisches Medikament den Zugang zu einer digitalen Therapie. Diese kann in Form von digitalen Personal Coaches verschrieben werden, die Patient:innen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche begleiten. Digitale Coaches unterstützen bereits Millionen von Menschen, die mit einer chronischen Krankheit leben. Unternehmen wie mySugr oder Omada Health bieten diese PatientInnen mit der „Volkskrankheit“ Diabetes an. „Der ideale digitale Personal Coach ist ein sensibler, humorvoller, unaufdringlicher Begleiter, der spürt, wann er eingreifen muss und wann er lieber still sein sollte“, erläutert Fleisch.
Menschlichere Medizin dank KI?
Auch wenn es widersprüchlich klingen mag: Künstliche Intelligenz könnte tatsächlich dabei helfen, die Medizin wieder „menschlicher“ zu machen, erklärt Fleisch. Im Wesentlichen setzen digitale Therapien klassische verhaltensverändernde Therapien mithilfe von elektronischen Medien um. „Seit Langem etablierte und qualitätsgesicherte medizinische Interventionen werden in eine elektronische Form übersetzt: als webbasierte Trainings, Smartphone-Apps und Augmented-Reality-Anwendungen.“
Digitale Therapien sind individuell auf die jeweiligen Patient:innen zugeschnitten und passen sich diesen mit der Zeit immer besser an. Sie lernen etwa, welche Entspannungsübung zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und in welcher Situation besonders effektiv sind. Das Wissen wird anonymisiert über die Cloud mit allen anderen Therapieinstanzen geteilt, sodass das gesamte System sich selbstständig verbessert. Dabei machen digitale Therapien Ärztinnen und Ärzte keineswegs überflüssig. „Vielmehr geht es auch hier um die Zusammenarbeit zwischen digitaler und physischer Welt – um die Kombination aus Arzt, medizinischen Geräten, digitalen Therapeuten und Pharmazeutika. Medizin wird immer auch physisch bleiben“, unterstreicht Fleisch.
Drei Muster digitaler Therapien
Der digitale persönliche Coach ist im Gegensatz zum analogen der Personal Coach für alle. Er ist zu jeder Zeit, an jedem Ort da und kostet fast nichts, sodass fast jede/r ihn sich leisten kann. In bestimmten Bereichen wirkt er mindestens so gut wie menschliche Ärzt:nnen und Therapeut:nnen. Weiters sind die Therapien keinen Qualitätsschwankungen unterworfen und orientieren sich immer am aktuellen Wissen der Medizin.
Die digitale Therapie auf Rezept wird in den USA von Unternehmen wie Pear Therapeutics angeboten: Die 90-tägige Therapie reSET hat das Ziel, und Drogenmissbrauch zu bekämpfen. Die Therapie ist seit 2018 durch die FDA als wirksame Therapie staatlich anerkannt. Im Rahmen ihres Digital Health Innovation Action Plans hat die FDA das Programm Pre-Cert zur Qualitätssicherung gegründet, wo sich Unternehmen vorzertifizieren lassen können. Die Softwareprodukte dieser Unternehmen durchlaufen in Folge im Sinne einer kontinuierlichen Zulassung einen unbürokratischen Genehmigungsprozess. Für Europa steht eine solche einheitliche Regulierung bislang aus.
Der digitale Therapietreue-Coach stellt nicht zuletzt einen wesentlichen Schlüssel zur erfolgreichen Behandlung dar, indem sie das Einhalten der verordneten Therapien fördern. Viele chronisch Kranke lassen die Therapie schleifen. Laut WHO befolgen nur 50 Prozent der Erkrankten konsequent den vereinbarten Behandlungsplan (=gute Adhärenz). „Die Folgen von mangelnder Therapietreue sind, neben unkontrollierten Gesundheitszuständen und den daraus resultierenden Leiden, die Kosten nicht eingenommener Medikamente, unnötige Spitalaufenthalte, Notaufnahmen und Arztbesuche.
Weltweit dürften inzwischen mehr als 100.000 Gesundheits-Apps existieren. Ein besonderer Bedarf der Anbieter liegt nun darin, die Wirksamkeit ihrer digitalen Produkte nachzuweisen.
Vorteile und Chancen digitaler Therapien
Das Center für digitale Gesundheitsinterventionen an der ETH Zürich und der Universität St. Gallen beschreibt die Eigenschaften von digitalen Therapien:
- Digitale Therapien verbessern das Selbstmanagement im Umgang mit chronischen Krankheiten, zum Beispiel durch aktive „Just-in-Time-Steuerung“ der klassischen Medizin oder durch Steigerung der Gesundheitskompetenz mit möglichst einfacher Sprache.
- Sie beziehen Angehörige und Freunde der Betroffenen in ein gemeinsames Gesundheitsmanagement ein, indem z. B. bestimmte Änderungen im Gesundheitsverhalten in der Familie unterstützt werden.
- Sie informieren Betroffene, aber auch Leistungserbringer und Angehörige über kritische Gesundheitszustände, um entsprechende Notfallprozesse zu unterstützen.
- Sie erkennen, ob und wann die Einlieferung ins Krankenhaus erforderlich ist, durch die Vorhersage kritischer Gesundheitszustände.
- Digitale Therapien unterstützen Ärzt:innen mit Daten aus dem Alltag der Patienten, damit diese die Therapie effizient anpassen können.
- Sie gestalten Sprechstundenzeiten effizienter, denn dank der digitalen Unterstützung haben Ärzte mehr Zeit für Personen, die mit ihrer Krankheit im Alltag nicht zurechtkommen.
- Sie unterstützen die Forschung an neuen digitalen Gesundheitsinterventionen mithilfe der im Alltag erhobenen Daten.

Dr. Elgar Fleisch ist Professor für Informations- und Technologiemanagement an der ETH Zürich und der Universität St. Gallen. Der gebürtige Österreicher ist Mitinitiator des wissenschaftlichen Center for Digital Health Interventions und Mitgründer mehrerer Start-ups.
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