In-vitro-Fleisch: Die Klimarettung aus dem Labor?

Steht künstliches Fleisch vor dem Durchbruch? In-vitro-Produkte könnten unsere Essgewohnheiten revolutionieren und tiefgreifende Veränderungen für Landwirtschaft und Klimaschutz bedeuten.

Männer beim Grillen von Fleisch
© Adobe Stock | jackfrog 

Vor sechs Jahren griff eine Reihe von Probanden zu Gabel und Messer und verspeiste den ersten künstlichen Burger der Welt. Was damals mehr Technik-Show als kulinarisches Ereignis war, könnte schon bald zur Normalität werden. Denn In-vitro-Fleisch rückt immer näher.

Was also ist In-vitro-Fleisch?

Der Begriff „Laborfleisch“ trifft es ganz gut. Erst entnehmen Forscher dem Muskelgewebe eines Tieres Stammzellen, was völlig schmerzlos geschieht. Dann vermehren sie die Stammzellen massiv, bis sich aus ihnen Muskelfasern und Fett bilden. Gewissermaßen ist Laborfleisch also nichts anderes als künstlich gewachsenes Fleisch.

Gut zu wissen

Nicht jedes Fleisch ist gleich. Während Hackfleisch vergleichsmäßig einfach im Labor herzustellen ist, stellt ein Steak die Forscher mit seiner komplexen Struktur vor Probleme. Ein Durchbruch gelang Aleph Farms aus Israel vor einem halben Jahr, als es das erste künstliche Steak für 50 Euro präsentierte.

Es schmeckt wohl auch recht ähnlich. Mehrere Menschen, darunter Probanden der Universität Maastricht, konnten bereits erste Versionen ausprobieren. Das Urteil damals: Laborfleisch kommt dem „Original“ ziemlich nahe, könnte aber etwas mehr Würze vertragen.

Supermarkt: Kein In-vitro-Fleisch im Regal

Nun können Sie In-vitro-Fleisch noch nicht im Geschäft Ihres Vertrauens kaufen, denn die Technologie befindet sich noch in Entwicklung – scheint aber auf der Endgeraden zu sein. Nach Jahren der Forschung ist der Preis eines künstlichen Burgers von kolossalen 250.000 Euro im Jahr 2013 auf aktuell rund zehn Euro gestürzt.

Gut zu wissen

Die Forschung an In-vitro-Fleisch begann in den frühen 2000ern, als die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA nach Wegen suchte, Fleisch und Fisch im Weltall zu produzieren.

Das ist allerdings noch immer teurer als typisches Supermarktfleisch, weswegen die Institute und Firmen hinter Laborfleisch munter weiter an ihren Stammzellen forschen. Denn sie wissen: Sobald der Preis wettbewerbsfähig ist, könnten In-vitro-Produkte in die Einkaufsregale geschwemmt werden.

Immer mehr Verbraucher überdenken ihren Fleischkonsum. Der Anteil der Vegetarier und Veganer in Österreich ist zwar nur auf niedrigem Niveau gewachsen – von drei Prozent in 2012 auf sechs Prozent in 2018 – doch insgesamt wird weniger Fleisch gegessen. Waren es 2008 noch 40 Kilogramm pro Haushalt, so waren es 2018 nur noch 34 Kilogramm.

Eine Klimawohltat aus dem Labor?

Das Umdenken dürfte zum Teil mit zwei Dingen zusammenhängen: Immer mehr Menschen fühlen sich unwohl bei der Massenproduktion von Fleisch, welche oft mit schlechter Lebensqualität für Tiere einhergeht. Und immer mehr Menschen achten auf ihren Klimaeffekt. 

Denn Fleisch hat einen großen ökologischen Fußabdruck: Rund 14,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen sind darauf zurückzuführen. In Wälder geschlagene Farmen gefährden die Biodiversität und sind der Grund für 65 Prozent der abgeholzten Regenwaldflächen. Und auch der Wasserverbrauch von Fleisch ist sehr hoch, ein Kilogramm Rindfleisch erfordert rund 10.000 Liter Wasser. 

Ganz anders bei In-vitro-Fleisch. Eine Studie erwartet im Vergleich zu Rindfleisch bis zu 45 Prozent weniger Energieverbrauch, bis zu 96 Prozent geringere Emissionen, 99 Prozent weniger Landverbrauch und bis zu 96 Prozent weniger Wasserverbrauch.

Eine nervöse und neugierige Industrie

Das hohe Potenzial sorgt für viel Interesse an der Technologie. Auch große Fleischkonzerne nehmen das Thema inzwischen äußerst ernst und handhaben es zweierlei.

Einige Konzerne bemühen sich, in der Politik zu erwirken, dass nur noch Fleisch von tatsächlich geborenen Tieren „Fleisch“ genannt werden darf. Sie argumentieren, dass das notwendig sei, um Konsumenten nicht in die Irre zu führen. Die In-vitro-Produzenten stimmen nicht zu und halten die Forderung eher für einen subtilen Sabotageversuch.

Andere Fleischproduzenten mischen dagegen beim Thema mit. Sie investieren in inzwischen millionenschwere Startups wie Memphis Meats, SuperMeat, Mosa Meat oder Aleph Farms, um vorne bei der Entwicklung dabei zu sein.

Schon gewusst?

Auch abseits der Konzernzentralen sorgt Laborfleisch für Bewegung. Veganer diskutieren, ob In-Vitro als vegan zählen darf, Rabbis debattieren, ob es koscher ist.

Marktreife: Ist In-vitro-Fleisch well-done?

Es stellt sich die Frage, ob die In-vitro-Fleisch-Produzenten es schaffen, ihr Produkt so effizient an den Markt zu bringen, dass es tatsächlich günstig genug fürs Supermarktregal wird.

Einige Forscher sind sich außerdem noch unsicher, welchen Effekt In-vitro-Fleisch auf das Klima hätte. Sie argumentieren, dass In-vitro-Fleisch zwar weniger klimaschädlich ist als die Produktion von Rindfleisch, aber gegen Hühnerfleisch den Kürzeren zieht – denn die Prozesse im Labor benötigen viel Energie.

Ein drittes Manko: Laborfleisch setzt auf Fötales Kälberserum (FBS) als Nährmedium für die Zellkulturen. Dieses Serum wird aus dem Blut von ungeborenen Kälbern gewonnen. Startups arbeiten an einem tierfreien Ersatzmedium, doch solange das nicht erreicht ist, steht ein Fragezeichen hinter dem Tierwohl bei In-vitro-Fleisch. Hier also ein (potenzielles) Pro & Kontra von In-vitro-Fleisch:

Mögliche Vorteile

  • Deutliche Reduktion von Emissionen, insbesondere im Vergleich zur Rindfleischherstellung
  • Weniger Fläche benötigt
  • Weniger Wasserverbrauch
  • Vermeidet die schlechte Lebensqualität von Tieren in der Massentierhaltung

Mögliche Nachteile

  • Mindestens zu Beginn deutlich teurer als herkömmliches Fleisch
  • Noch ist nicht abschließend klar, wie günstig die Produktion werden kann
  • Die Klimabilanz könnte schlechter ausfallen als gehofft, vor allem im Vergleich zu Hühnerfleisch und pflanzlichen Fleischersatzprodukten
  • Die Nutzung von FBS als Nährmedium bedeutet weiterhin Tierleid

Viel Hunger auf die Zukunft

Es gibt noch einiges zu tun für die Forscher und Firmen hinter Laborfleisch. Doch sollten die Preise purzeln und die Energieeffizienz steigen, hätte die neue Technologie das Potenzial, unser Verständnis von Fleisch zu verändern.

Wichtig wäre es, denn der globale Fleischkonsum dürfte bis 2050 um 70 Prozent steigen, samt höherem Bedarf für Wasser, Fläche und Energie. Vielleicht hilft es, wenn wir bis dahin einige unserer Steaks aus dem Labor bestellen.

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