1, 2, 3 im Sauseschritt... Rast die Zeit davon?

Je näher wir uns auf der Zielgeraden Richtung Jahreswechsel befinden, desto schneller wird auch die Geschwindigkeit. Wieso rast die Zeit nur so dahin?

person schaut sich kalender an
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Es scheint, als ob es die Zeit gegen Ende des Jahres besonders eilig hätte. „Eins, zwei, drei im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit“, schrieb schon Wilhelm Busch vor mehr als 100 Jahren. Ob er damals schon die hektischen Wochen vor dem Jahreswechsel im Auge hatte, die sich oft wie die Fahrt in einem Superschnellzug ohne Zwischenstopp anfühlen?

Der Eindruck, dass das Jahr immer schneller vergeht, macht sich aber nicht erst in der Adventszeit breit, es beginnt schon lange davor, ungefähr Mitte September, wenn die Schule längst wiederbeginnt und sich nach dem Sommer rege Betriebsamkeit und Herbstroutine einstellt. Dann irgendwann ganz plötzlich – und zunächst fast unbemerkt – scheint auch die Zeit einen neuen Gang einzulegen, sie wechselt das Tempo. Musiker würden sagen, dass das Andante und Vivace des zu Ende gehenden Sommers bald ins Presto umschlägt und, je näher es Richtung Dezember geht, die Zeit sogar in ein drängendes Prestissimo wechselt. Es kommt uns dann so vor, als ob die Zeit jetzt rasen würde.

„Die Zeit kann nicht rasen“, stellt Catherine Blyth klar. Es hänge vielmehr von den unterschiedlichen Reizen ab, die in unser Gehirn gelangen und wie dieses die Zeitabläufe schließlich wahrnimmt. Blyth, eine britische Autorin, beschäftigt sich schon länger mit dem Phänomen Zeit. In ihrem soeben erschienenen Buch „Zeit genießen“ widmet sie sich den Zeitfressern sowie Lösungswegen für ein stressfreies Leben.

Zwischen Kaugummi und Schmetterling

Jeder kennt das, Zeit fühlt sich unterschiedlich an. Manchmal vergeht eine Stunde wie im Flug, dann wiederum ziehen sich schon zehn Minuten wie ein Kaugummi, beispielsweise wenn uns langweilig ist oder wir schlecht drauf sind. Der Grund dafür ist, dass unsere Zeitwahrnehmung sehr elastisch ist und viele Faktoren mitspielen, zum Beispiel unser emotionaler Zustand. Haben wir gerade richtig viel Spaß, vergeht die Zeit relativ schnell, ebenso, wenn etwas Aufregendes passiert. “Die Dopamin Ausschüttung im Gehirn erzeugt das Gefühl, dass alles wie ein Schmetterling vorbei huscht”, so Catherine Blyth.

Auch dem Alter  kommt hier eine entscheidende Rolle zu. Kinder erleben vieles zum ersten Mal, für sie erscheint die Zeit bis Weihnachten deshalb oft endlos lang. Im Pensionsalter hingegen hat man schon viel erlebt, die Zeit vergeht für ältere Menschen wie im Flug.

„Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier“, der Adventskranz ist übrigens eine Erfindung, die genau das aufgreift. Der Theologe Johann Hinrich Wichern wollte Kindern mit dem wöchentlichen Kerzenanzünden die Wartezeit bis zum Christkind verkürzen.

Wenig Licht und zu viel auf der To-Do-Liste

Wieso nur vergehen die Wochen und Monate nach dem Sommer scheinbar wie im Flug? „Einerseits versuchen wir, so gut es geht, noch alles vor den Feiertagen zu erledigen. Gleichzeitig sind wir dabei, die Feiertage vorzubereiten und alles für ein schönes Fest zu organisieren. Unsere To-Do-Listen sind dadurch ungewöhnlich lange, allein das erhöht schon den Stress-Level“, fasst Zeit-Expertin Blyth zusammen. Nicht zu vergessen: die Tage im Herbst und Winter werden kürzer, die Nächte länger, was uns laut Blyth nicht gerade entgegenkommt, denn die meisten von uns sind bei Tageslicht leistungsfähiger und besser drauf.

„Ein Ergebnis davon ist, dass wir versuchen, mehr Dinge in einen kürzeren Zeitraum zu packen. Sobald eines davon schiefgeht, multipliziert sich alles nochmals“, so Blyth. Kurz gesagt: Es gibt zu viel zu tun, wir haben zu wenig Zeit dafür und, wie Blyth ergänzt, „vielleicht auch zu viele Weihnachtsfeiern inklusive Hang-overs zu verdauen, die aus diesen Tagen dann einen Hindernislauf machen“.

Mit drei Neujahres-Tipps die Zeit besser genießen

Statt „Zeit ist Geld“  folgt Catherine Blyth der Prämisse, dass „Zeit unser Leben ist“. Sie hat drei Empfehlungen, wie wir die Zeit, und damit unser Leben, genießen können.

  1. Fokussieren. Ablenkungen aussperren, sich auf ganz konkrete Smart-Phone und-Computerzeiten pro Tag beschränken.
  2. Ziele setzen. Statt guter Vorsätze  lieber eine Liste mit Zielen für 2020 machen. Darin sollte auch eine Zeitachse vorkommen und die unterschiedlichen Lebensbereiche (Arbeit, Privatleben, Gesundheit ... ) auf den Plan treten.
  3. Aufzeichnen. Ein kleines Tagebuch zu führen kann helfen, die Ziele im Überblick zu behalten. Es macht nachvollziehbar, was wir schließlich aus unserer Zeit machen. „Zeitfresser“ lassen sich aufspüren und in Folge kann der Alltag anders organisiert werden.


Zur Person
Catherine Blyth lebt in Oxford, GB, und ist als Autorin, Redakteurin und Journalistin tätig. Mit ihrem Sachbuch „Zeit genießen“ (Edition Olms) lernt man einen neuen Umgang mit der Zeit zu entwickeln und sie für sich zu nutzen.