Vom Wohnraum zum Wohlfühlraum

Unser Zuhause – kein anderer Ort bedeutet uns so viel. Hierher ziehen wir uns zurück, verfolgen unsere Hobbies, sind Familienmensch und Gastgeber.

Frau jongliert mit Orangen auf Sofa sitzend

Die Einrichtung unserer Wohnung spiegelt unsere Seele. Schon 1890 erkannte der US-amerikanische Philosoph und Psychologe William James: „Das Selbst eines Menschen ist die Summe all dessen, was er sein Eigen nennen kann.“

Für das geschulte Auge von Wohnpsychologinnen oder Wohnpsychologen offenbart deshalb schon ein kleiner Blick in unsere Wohnungen Rückschlüsse auf uns und unseren Charakter: 

  • Große Bücherschränke stehen für den Rückzug vom Alltag, so wie wir es auch in einer stillen Bibliothek empfinden.
  • Geschenke, die aufbewahrt werden, obwohl sie gar nicht zum Einrichtungsstil passen oder unpraktisch sind, sind ein Hinweis auf tiefgehenden Freundschaften und Beziehungen.
  • Teure und seltene Möbel dienen der Repräsentation und sollen bei Gästen Respekt und Neid erzeugen.
  • Gegenstände, die einen Bezug zu unserer Kindheit und an das elterliche Zuhause haben, dann soll uns das an die Unbeschwertheit dieser Zeit erinnern.
  • Bei Privatfotos, Kuscheltieren oder Glücksbringern vermutet die Wohnpsychologie eine Person, die sich intensiv mit selbst auseinandersetzt.

Meine Wohnung und ich

„Jedem Menschen wohnt ein natürliches Bedürfnis inne, seine Umwelt zu gestalten“, sagt Anja Aichinger, Architektin und Expertin für Architekturpsychologie in Wien. Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln wie Licht, Farben, Textilien und Objekten sind wir also bemüht, unseren Wohnbereich in einen persönlichen Wohlfühlort zu verwandeln.

Dabei geht es um weitaus mehr als Geschmack oder Selbstdarstellung. Vielmehr besteht eine Wechselwirkung zwischen Wohnung und Einwohner: Unser Wohnumfeld wirkt auf uns ein – und das bedeutet auch: Sich die Wohnsituationen zu verbessern, ist gut für unsere Selbstpflege! 

Eine Wohnung, mehrere Interessen

Der erste und absolut unumgängliche Schritt dabei ist, alle Mitbewohner einzubeziehen. Anja Aichinger: „Es ist wichtig, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner, über einen persönlichen Bereich verfügen, über dessen Gestaltung und Nutzung sie allein entscheiden können. Für die gemeinschaftlich genutzten Räume kann dann in der Regel leichter eine Lösung gefunden werden – beispielsweise indem man einen gemeinsamen Nenner findet oder indem jeweils derjenige, der den Bereich am häufigsten nutzt, ihn gestalten darf.“ 

Eine gelungene Wohnraumgestaltung sollte auch keine Frage der jeweiligen finanziellen Möglichkeiten sein. Denn Gemütlichkeit braucht keine Top-End-Designer-Sofas. Sie lässt sich auch mit kleinem Budget gestalten. „Auf jeden Fall!“, meint die Expertin.  „Vermeiden Sie es, alles auf einmal einzurichten. Eine Wohnung sollte wachsen und sich mit Ihnen verändern dürfen. Starten Sie mit den notwendigen Basics und ergänzen Sie diese nach und nach mit besonderen, persönlichen Stücken.“  

Kleine Wohn-Tipps, große Wirkung

Kleine und dunkle Wohnungen lassen sich mit ganz einfachen Mitteln freundlicher gestalten. Enge Zimmer gewinnen enorm an Raum, wenn der erste Blick auf etwas fällt, das Ruhe ausstrahlt – etwa ein bequemer Lesesessel. Und eine Couch sollte besser in Richtung Fenster schauen anstatt zum Kleiderschrank. Mit solchen kleinen Änderungen lässt sich schon viel erreichen.  

Ein zu wilder Farbmix bei Wänden und Textilien löst innere Unruhe aus, Harmonie gewinnt man, indem man innerhalb einer Farbfamilie bleibt. Fehlt den Räumen Tageslicht, hilft indirekte Beleuchtung – und erhellt neben dem Zimmer auch gleich die Stimmung. 

Ausmisten als „Entschlackungskur“

Ein weiteres Element ist Klarheit: Über die Jahre sammelt sich so manches an, das wir, wenn wir ehrlich sind, gar nicht mehr brauchen – vielleicht auch, weil es gar nicht mehr so richtig zu unserem gegenwärtigen Leben passt. Regelmäßiges Ausmisten hilft doppelt: Es bezwingt das äußere Chaos ebenso wie die innere Unordnung. Auch was kaputt ist, sollte entfernt werden – ansonsten wird es zu einem Mahnmal des Unerledigten. 

Hilfe suchen beim Umzug

Manchmal bedarf es aber auch eines radikalen Schrittes: einem Ortswechsel. Wie erkenne ich bei der Suche, ob eine Wohnung meiner Persönlichkeit entspricht? Ob ich in ihr glücklich werde? Anja Aichinger: „Es ist von Vorteil, sich bereits im Vorfeld und ohne Druck der eigenen Prioritäten bewusst zu werden: Was sind meine wirklichen Bedürfnisse und essentiell für mein Wohlbefinden und worauf kann ich verzichten? Wenn mehrere Personen beteiligt sind, sollten das alle für sich herausfinden – das ist sehr individuell. Dabei lohnt es sich, die Unterstützung von Profis in Anspruch nehmen – das erspart viele leere Kilometer und man kann bei Bedarf rasch eine gute Entscheidung treffen.“ 

Ob neue Wandfarbe, neues Sofa oder komplett neue Wohnung: Wichtig ist jedenfalls, sich im Vorhinein die gewünschten Veränderungen vorzustellen und zu überlegen, wie man mit ihnen leben wird. Und dabei sollte man auch nie die eigene Intuition vergessen – dann kann die Seele im eigenen Zuhause ankommen. 

Zur Person:

Anja Aichinger ist Architektin, Farbgestalterin und Coach mit Schwerpunkt Architekturpsychologie. Mit ihrem Büro ANAIS ARCHITEKTUR unterstützt und begleitet sie Kundinnen und Kunden bei der individuellen Gestaltung ihrer Lebensräume.

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