Die kleinen Momente im Leben genießen 

Schöne Momente geben Lebensenergie und füllen unsere Batterien auf. Wie wir die Sehnsucht nach ihnen trotz Einschränkungen durch die Pandemie stillen können, weiß die Autorin Susanne Niemeyer.

zwei Frauen halten sich und lachen
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Die Pandemie hat viele Entbehrungen mit sich gebracht. Vieles, was uns lieb ist – von Partys mit Freunden bis zum Cluburlaub am Meer – war oder ist nicht möglich. Doch unsere Sehnsucht nach schönen Momenten bleibt.

Ist unsere Sehnsucht denn nicht sinnlos?

Susanne Niemeyer: Die Dichterin Nelly Sachs schreibt: „Alles beginnt mit der Sehnsucht.“ Wie schön wird es sein, wieder Freunde zu umarmen. In Konzerte zu gehen. Zusammen zu lachen, ohne dabei eine Maske zu tragen. Die Sehnsucht zeigt, wie wunderbar viele Selbstverständlichkeiten sind. Und gleichzeitig zeigt ihr Ausbleiben, dass manches auch nicht so wichtig ist, wie bisher angenommen. Sehnsucht ist der Wind in unserem Lebenssegel. Ohne Sehnsucht dümpeln wir dahin.

Warum ist es überhaupt wichtig, im Leben schöne Momente zu haben?

Weil das Leben an sich schön ist. Und damit man das nicht vergisst, brauchen wir regelmäßig schöne Momente. Um uns zu erinnern, dass es nicht nur darum geht, zu funktionieren und den Alltag zu organisieren. Wir brauchen die ersten Schneeglöckchen, das kurze Herzklopfen vor einer ungeöffneten Nachricht, flauschige Socken, Kaffeeduft und Tagträume. Natürlich könnten wir auch ohne existieren. Aber leben ist ja viel mehr als existieren.

Warum ist das speziell während eines Lockdowns wichtig?

Ein Lockdown ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Auch an die eigene Frustrationstoleranz: Wie gehe ich damit um, wenn so viele Alltagsfreuden plötzlich wegfallen? Bin ich bereit, Neues zu entdecken? Ich kann den Impuls, wütend auf das Leben und die Umstände zu sein, gut verstehen, glaube aber, auf Dauer schadet er mir selbst. Manchmal lassen sich die Umstände tatsächlich nicht ändern, aber meine Haltung dazu. Mir hilft in solchen Momenten Humor: Die Welt mit den Augen Charlie Browns oder Loriots zu betrachten und auch über mich selbst zu lachen. Lachen ist ein ziemlich schöner Moment!

Was ist überhaupt ein schöner Moment – kann der nur in der Hängematte im Urlaub stattfinden?

Ein schöner Moment kann überall stattfinden. Man kann ihn nicht buchen. Oder vielleicht doch? Vielleicht hilft die Vorstellung, beim Leben selbst jeden Morgen drei schöne Momente zu bestellen. Und fest davon auszugehen, dass das Leben liefert. Dann braucht man nur noch aufmerksam zu sein und findet Sekundenglück.

Wie können wir unsere Sehnsucht nach schönen Momenten derzeit tatsächlich stillen?

Indem wir weniger auf das schauen, was nicht geht. Und stattdessen neue Rituale genießen. Wann sind zuletzt so viele Menschen spazieren gegangen? Wie viele Leute haben ihre Scheu vor digitalen Hilfsmitteln überwunden – und entdecken schöne zusätzliche Kontaktmöglichkeiten. Dass Krisen Chancen sind, ist mittlerweile eine Binsenweisheit, die dennoch stimmt. Krisen läuten Entwicklungsschritte ein. Sie locken Potentiale hervor. Wir können über uns hinauswachsen. Das ist anstrengend, aber danach werden wir als einzelne und als Gesellschaft größer geworden sein.

Buchtipp

Susanne Niemeyer - Mut ist Kaffee trinken mit der Angst. 40-mal anfangen. Herder Verlag 2021, ISBN: 978-3-451-37716-7

Zur Person:
Susanne Niemeyer, geb. 1972, ist meistens Hellseherin. Von ihrem Hamburger Schreibtisch im dritten Stock hält sie Ausschau nach dem Himmel. Als freie Autorin hat sie mehrere Bücher veröffentlicht und hat einen Blog. Während ihrer kreativen Schreibreisen nach Schweden, Mallorca oder in die Alpen sammelt sie neue Ideen und inspiriert andere dazu, eigene Geschichten zu schreiben.

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