Co-Living: Miteinander bauen und wohnen

Wer nicht nur neben, sondern auch mit seinen Nachbarn leben will, der oder die zieht in ein Gemeinschaftswohnprojekt. Ein Trend, der alle Altersgruppen und Lebensformen miteinbezieht.

Zwei Frauen mit Umzugskartons vor Laptop
(c) Adobe Stock | Ingo Bartussek

Wohngemeinschaften, kurz WGs, gibt es schon seit Jahrzehnten. Meist sind es Studentinnen und Studenten, die eine Zeit lang neben- und miteinander leben. Was ist neu und kennzeichnend für den aktuellen Trend des „Co-Livings“? Warum tun sich heute immer mehr Menschen zusammen, um gemeinsam zu wohnen? Und: Was bringt es, schon den Bauprozess Hand in Hand zu meistern? 

Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir: Gemeinschaftliches im Fokus 

Viele Menschen wollen nicht völlig anonym leben, auch wenn natürlich alle ein Bedürfnis nach Privatsphäre haben. Als Baugemeinschaft kann man gemeinsam leben und agieren, aber auch gemeinsam Regeln festlegen, wo die Gemeinsamkeit aufhört“, erklärt Robert Temel die Beweggründe für das Engagement in einem Gemeinschaftsbauprojekt. Temel ist als Mitbegründer und Vorstandsmitglied der „Initiative für gemeinschaftliches Bauen“ nah am Thema dran. Der Verein fungiert als Drehscheibe der Baugruppen in Österreich. 

Selbstorganisation ist laut Temel ein weiterer Grund, weshalb sich viele in einer Baugruppe zusammentun: „Menschen wollen darüber (mit-)entscheiden, wie ihre Wohnung und ihr Wohnumfeld gestaltet ist. Ähnlich wie bei einem Einfamilienhaus, nur eben in einer größeren Gruppe, sodass das Gestaltungspotenzial viel größer ist. Als Gruppe schafft man Dinge, die im Einfamilienhaus nicht möglich sind, z.B. bestimmte Gemeinschaftsräume, die Vermietung von Gewerbeflächen, eine herausragende Architektur oder etwa auch ein gemeinsames Mobilitätskonzept.“ 

Das Thema „Gemeinschaftlichkeit“ wird auch in Studien als einer der fünf Wohntrends genannt. Laut Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF) spielen die Zunahme an Single-Haushalten, die steigende Mobilität in der Arbeitswelt, höhere Wohnungsmieten und eine alternde Gesellschaft hier eine Rolle. Wohnen und Familie sind als gesellschaftliche Systeme zu sehen, die in vielfältiger Weise miteinander interagieren. Wenn sich die Lebensrealitäten ändern, ändern sich folglich auch die Wohnstrukturen. Neue Modelle wie gemeinschaftliche Baugruppen reagieren darauf. 

Unser Dorf in der Stadt

Co-Housing-Projekte setzen beim gemeinschaftlichen Bauen an. Dabei gibt es viele Varianten und Konstruktionen und Konzepte. Oftmals unterscheiden sich die Projekte in dem Ausmaß, wie weit das gemeinschaftliche Handeln geht und was letztendlich privat bleibt, z. B. wie oft man gemeinsam kocht und isst und die Aktivitäten im Bauprozess innerhalb der Gruppe aufteilt.

Projekte dieser Art entwickeln sich derzeit in ganz Österreich. Sie involvieren alle Altersgruppen und unterschiedlichste Arten des Zusammenlebens. Manche sprechen konkrete Zielgruppen an oder stellen eine gemeinsame Weltanschauung in den Mittelpunkt (Ökologie, Frauenwohnprojekte, queere Projekte ...). Ihre Namen sind Grüner Markt, Rosegarden, LiSA oder Pomali. Allen ist Partizipation und Diversität wichtig.

Filmtipp

In dem Dokumentarfilm "Der Stoff, aus dem Träume sind" besuchen die Regisseur/innen Michael Rieper und Lotte Schreiber alternative Wohnbauten in Österreich, von dem 1975 gegründeten Projekt Kooperatives Wohnen in Graz-Raaba bis zu den jungen Linzer AktivistInnen des Projekts Willy*Fred, die Wohnhäuser vom Immobilienmarkt "freikaufen" wollen. 

Ein prominentes Beispiel ist das Wohnprojekt am Wiener Nordbahnhof. Als Verein organisiert leben hier rund 100 junge und ältere Menschen zusammen.  Es sind Familien und Singles, die in flexiblen Wohnungen mit attraktiven Gemeinschaftsflächen wohnen. Hierzu gehören zum Beispiel eine Küche mit Essbereich und gemeinsam nutzbare Infrastruktur wie Waschküche, Kinderspielraum oder Fitnessstudio. Ein wenig mutet dieses Neubauprojekt wie ein Dorf in der Stadt an: In den Gewerberäumen haben sich eine Vielzahl an Unternehmen und Dienstleistungsbetriebe angesiedelt. Herzstück ist die „Greisslerei am Park“. Sie ist ein zusätzlicher Treffpunkt für die Menschen des Projekts und für die Nachbarn aus dem Grätzel.

Es scheint fast, als ob die Sehnsucht nach kollektiven Erlebnissen und der Wunsch nach Mitgestaltung und Selbstorganisation die dörfliche Struktur wieder in die anonyme Großstadt zurückholen würde.  

Zur Person:
Robert Temel
ist selbstständiger Architektur- und Stadtforscher in Wien. Er ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen. http://www.inigbw.org/  temel.at  

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