Smarte Gesundheit via App

Kalorienzählen, Krankheitsanzeichen erkennen, Panikattacken managen, besser Einschlafen: Für die verschiedensten Gesundheitsaspekte gibt es digitale Unterstützung, in manchen Ländern sogar schon auf Rezept.

Wie sehr die Covid-Pandemie manche Prozesse beschleunigt hat, zeigt sich besonders deutlich bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Von einem Tag auf den anderen waren Arztkonsultationen, Krankschreibungen, Verordnungen oder elektronische Impfnachweise Realität geworden. 

Von Prävention bis Management

Doch das ist bei weitem nicht alles. Schon längst gibt es Apps und Programme, um selbst Krankheiten vorbeugen, diagnostizieren oder managen zu können.

Dass dieser Markt riesig ist, zeigt eine Analyse des Deutschen Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) aus dem Mai 2021. Von den zum Erhebungszeitraum 3,4 Millionen Apps im Google Play Store entfielen 4,8 Prozent (163.000) auf den Bereich „Health & Fitness“ und „Medical“, unter den 1,8 Millionen Apps im Apple Store waren es 6,9 Prozent (121.000). Tendenz steigend. [1]

Die Bandbreite ist dabei extrem groß und reicht von Wellness-Apps, die das Einschlafen erleichtern sollen, über Diagnosetools, beispielsweise für das Demenzrisiko, bis hin zu Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs), um etwa mit Panikattacken besser klar zu kommen. 

Von Tracking bis Coaching

Auch bei der Funktionsweise gibt es ganz unterschiedliche Ansätze – je nach Anforderung. Manche (zumeist kostenlose) Apps verlegen sich aufs Messen und Auswerten. Allgemein bekannt sind Schrittzähler, klassische Kalorienzähler oder Scanprogramme, die über gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe in Lebensmitteln bzw. Kosmetika informieren. Andere Apps wiederum bieten nach Erstellen eines persönlichen Gesundheitsprofils Pläne, um abzunehmen, Kondition aufzubauen oder ein positives Mindset zu etablieren.  

Lust auf einen sanften digitalen Schubs in Sachen Lebensstil? Hier ein paar Beispiele:

  • Hydro Coach – Wasser-Trink-App. Motivierende Trinkerinnerungen unterstützen dabei, täglich ausreichend Wasser zu trinken, damit Fitness, Gesundheit und Wohlbefinden verbessert werden.
  • Pedometer – Schrittzähler-App. Mit eingebautem Sensor, um Schritte zu zählen. Kein GPS-Tracking, daher Akkusparend. Zusätzlich werden Kalorienverbrauch, Laufentfernung und Zeit etc. gut übersichtlich in Graphen angezeigt. 
  • Code Check – Scanner für Inhaltsstoffe von Lebensmitteln & Kosmetik. Nach dem Scannen der Barcodes wird ersichtlich, ob Produkte vegan, vegetarisch, glutenfrei oder laktosefrei sind bzw. ob sich Palmöl, Mikroplastik, Nanopartikel, Parabene, Paraffine oder zu viel Zucker darin verstecken. 
  • BetterMe – Selbsthilfe Meditation. Angeleitete Meditationen als einfache und dennoch praktische Entspannungsmethoden für jede:n. 
  • Sleep Monitor – Schlaftracker. Zum Verfolgen und Aufzeichnen von Details zum Schlafzyklus. Weckerfunktion und Entspannungsmusik zum Einschlafen.

Vorbeugen und managen

Wer seinen Blutdruck im Blick hat, kann Schwankungen besser erkennen und darauf reagieren. Dasselbe gilt für zahlreiche andere Faktoren wie zum Beispiel Blutzucker oder Allergien. Auch dafür können Apps hilfreiche Unterstützung bieten. Nicht zu vergessen, dass sich auf diese Weise chronische Krankheiten ein Stück weit vorbeugen lassen.

Patienten mit Krebs, Multipler Sklerose, Diabetes oder psychischen Störungen können beim Managen ihrer Erkrankung ebenfalls profitieren. Apps, die an die Medikamenteneinnahme erinnern, Verhaltenstipps geben oder als Therapietagebuch zur Verfügung stehen, unterstützen sie in ihrem Alltag.

  • Pollenwarndienst – Allergieprognosen. Polleninformation, personalisierte Belastungsvorhersage und Pollentagebuch für die Dokumentation von allergischen Beschwerden u.v.m. für Menschen mit Heuschnupfen. 
  • Mind Doc – Kurse, Übungen und Selbstreflexion für Menschen mit leichten bis mittelschweren psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst-, Ess- und Schlafstörungen. 
  • My Therapy – Tabletteneinnahme-Erinnerung. TÜV-geprüfte Erinnerung für die Einnahme von Medikamenten und Tabletten. Zusätzliche Verwaltung der gesamten Medikamenteneinnahme und Tagebuchfunktion. 
  • MySugr – Kostenlose App für Diabetiker, praktische Datenerfassung und Auswertung. 
  • Neuronation – Gedächtnistraining. Gehirntraining, um Konzentration und Gedächtnis zu stärken und die Gehirnleistung zu verbessern.

App auf Rezept

Einen besonderen Boom erlebt eine weitere Sparte der elektronischen Helfer, die Digital Therapeutics (DTx) oder Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs). Das sind patientenorientierte Softwareanwendungen, die bei der Behandlung, Vorbeugung oder Bewältigung einer Krankheit helfen und eine nachgewiesene klinische Wirkung besitzen. [2]
Kurz gesagt: geprüfte Apps mit nachgewiesener Wirksamkeit. 

Was hierzulande nur theoretisch möglich ist, ist in Deutschland schon längst Realität. Neben Medikamenten können Ärzte seit 2019 auch DiGAs verschreiben, deren Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. Welche das sind, findet man auf einer Weißliste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. [3]

Um auf diese Liste zu gelangen, müssen die digitalen Gesundheitsanwendung durch ihre Technologie einen „positiven Versorgungseffekt“ für die individuelle Situation der User bieten. Ob dem so ist, wird durch das BfArM in einem Bewertungsverfahren festgestellt, bei dem Aspekte wie Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Leistungsfähigkeit, aber auch Datensicherheit und Barrierefreiheit geprüft werden. 

Beispiele:

  • Deprexis – Depressions-Tool. Interaktives, onlinebasiertes Selbsthilfeprogramm zur Therapieunterstützung von Patient:innen, die mindestens 18 Jahre alt sind, mit Depressionen und depressiven Verstimmungen. 
  • Meine Tinnitus App – Tinnitus-Ratgeber. Zur Erstversorgung für Tinnitus-Patient:innen, die konkrete Maßnahmen und etablierte Techniken anbietet, um Tinnitus-Belastung zu verringern.
  • Pink! Coach – Brutkrebs-Coaching. Digitale Anwendung zur Stärkung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und Gesundheitskompetenz sowie Linderung der psychischen, psychosomatischen und somatischen Folgen bei Brustkrebs. 
  • Nichtraucher Helden – Rauchentwöhnungs-Coaching. Zur Behandlung und Linderung einer diagnostizierten Tabakabhängigkeit. Kognitiv-verhaltenstherapeutisches Nichtraucher-Coaching hilft, Tabakabhängigkeit zu überwinden. 
  • Lifesum – Health Coach. Kostenlose Ernährungs-App mit Diätplänen, Nährwerte- und Kalorienzähler sowie gesunden Rezepten.

Für und Wider

Wie beliebt das Internet als Quelle für Gesundheitsinformationen ist, zeigte eine Umfrage von IMAS International im September 2019. Zu diesem Zeitpunkt – also noch vor der COVID-19-Pandemie, in der sich viele Lebensbereiche in die Virtualität verlagerten – galt die Ärztin, der Arzt insgesamt als die am häufigsten aufgesuchte Informationsquelle, wenn es um Gesundheitsthemen geht. Aber bereits jede:r zweite Befragte gab an, schon einmal eine gesundheitliche Frage im Internet recherchiert zu haben. Was einem deutlichen Anstieg von 14 Prozentpunkten seit der letzten Umfrage fünf Jahre zuvor entsprach. [4] 

Philipp Steininger, Head of Digital Therapeutics bei Sanova Pharma, gibt sich in einem Statement auf LinkedIn überzeugt: „Mit digitalen Gesundheitsanwendungen könnte Ärzten ein sicheres Werkzeug an die Hand gegeben werden, in dem evidenzbasiertes Wissen kompakt, verständlich und patientenindividuell vermittelt wird. Wikipedia oder die größte Suchplattform der Welt wird nie eine seriöse Quelle darstellen.“ Und weiter: „DiGAs tragen nicht nur zur digitalen Kompetenzbildung von Ärzt:innen und Patient:innen bei, sondern können unter gewissen Rahmenbedingungen ein wertvoller Beitrag zu zukunftsorientierter Gesundheitsversorgung sein. Sie erweitern den „Werkzeugkasten“ der behandelnden Ärzt:innen. Vor allem im Bereich von chronischen Krankheiten können sie Patient:innen notwendige Unterstützung bieten. DiGAs müssen sich als Ergänzung einer Behandlung profilieren, ähnlich dem Einsatz von klassisch-etablierten Medizinprodukten." [5]

Dr. Karl Forstner, der Präsident der Salzburger Ärztekammer und Leiter des ÖÄK-Referates für Telemedizin und medizinische Informatik, sieht DiGAs ebenfalls als Unterstützung der medizinischen Therapie: „Im Hinblick auf die Betreuung von chronisch Kranken, die aufgrund der demografischen Entwicklung auch in Zukunft einen erheblichen Teil der Patienten ausmachen werden, ist eine zusätzliche Betreuung durch digitale Lösungen eine wertvolle Ergänzung. Man muss aber hinzufügen, dass es nie ohne den direkten, persönlichen Kontakt gehen wird. [6]

Seriös oder nicht? Einige Kriterien zur Beurteilung von Gesundheits-Apps:

  • Die App wurde zertifiziert und besitzt ein vertrauenswürdiges Siegel.
  • Die App weist ein Impressum auf.
  • Der finanzielle Hintergrund der App ist transparent.
  • Die App ist neutral, d.h. die Inhalte sind nicht durch kommerzielle Interessen beeinflusst (z.B. wirbt die App nicht für ein bestimmtes Produkt).
  • Die App fordert nur die persönlichen Daten ein, die für die Funktionalität wichtig erscheinen.
  • Die App zeigt ihre eigenen Grenzen auf (z.B. Verweis auf Arztbesuch).
  • Das letzte Update wurde innerhalb der letzten 6 Monate bereitgestellt.

(Quelle: Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V., www.aps-ev.de.) 

Wellness- und Gesundheitsapps sowie Digitale Gesundheitsanwendungen (DIGAs) bieten eine wertvolle Unterstützung, um Krankheiten vorzubeugen oder zu managen. Letztere gibt es in anderen Ländern sogar schon auf Krankenschein. Dennoch können sie den Arztbesuch nicht ersetzen.



[1] https://science.apa.at/power-search/2867895429195965759
[2] Kampouraki, D., 2021, Digital therapeutics, in: Thomas Zerdick und Stefano Leucci, TechSonar 2021-2022 Report,: EDPS.
[3] https://diga.bfarm.de/de
[4] https://www.marktmeinungmensch.at/studien/medizin-und-gesundheit-im-online-universum-in-oest/
[5] https://www.linkedin.com/pulse/digitale-gesundheitsanwendungen-diga-österreich-philipp-steininger/ 
[6] https://www.austromed.org/publikationen/fachmagazin-das-medizinprodukt/

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