Telemedizin: Aus der Ferne verarztet

Wir können das Ganze zwar nur aus der Ferne diagnostizieren, doch sind uns sicher: Telemedizin hat Potenzial.

mann bei telemedizinischer Beratung via laptop
© Adobe Stock | W PRODUCTION

Telemedizin ist ein Mix aus Telekommunikation und Medizin. In aller Kürze: Es geht darum, dass Arztleistungen aus der Distanz erbracht werden, via Video oder Audio.  

Gut zu wissen

Das weltweit erste Mal, dass Telemedizin genutzt wurde, war vor 110 Jahren: Ein chinesischer Dorfarzt fragte 1910 per Telegraph einen weit entfernten Chirurgen um Rat.

Telemedizin: Der Arzt in meinem Wohnzimmer

Was benötigen Sie also, um Ihren Arzt virtuell in Ihr Wohnzimmer zu teleportieren? Einen internetfähigen Computer, eine Kamera, ein Mikrofon und gegebenenfalls spezielle Software. Ein paar Klicks, schon sind Sie miteinander verbunden und der Arzt kann aus der Ferne seine Diagnose geben: “Ihnen fehlt ein Arm” - ganz ohne persönlich vorstellig zu werden!

Kurz Ihre Erkältung durchzusprechen ist das eine. Doch nicht bei allen Beschwerden ist es mit dem Blick auf den Bildschirm getan. Deswegen können manche Videosprechstunden von einer Versorgungsassistenz begleitet werden. Diese misst bei Ihnen dann wichtige Daten wie EKGs, Blutdruck oder Blutzuckerwert und assistiert so dem Arzt in seiner Diagnose.

Gut zu wissen

Telemedizin ist ein Überbegriff. Wenn ein Arzt einen Kollegen via Internet um Rat bittet, ist das genau genommen “Telekonzil”. Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient heißt “Telemonitoring”. Eine Behandlung aus der Distanz “Teletherapie”. Hier im Artikel nutzen wir nur den Begriff Telemedizin.

Auf den Ärztemangel reagieren

Doch warum überhaupt Telemedizin? Klingt für Sie nach neumodischem Schnickschnack? Schauen wir uns die Situation an: Österreich hat mit 5,25 Ärzten je 1.000 Einwohner die zweithöchste Rate in der OECD, doch die Zahl verbirgt eine komplizierte Situation, so der Präsident der Österreichischen Ärztekammer Thomas Szekeres: Darin seien Turnusärzte und Teilzeitbeschäftigungen mitgerechnet. Nehme man diese heraus, fände sich Österreich nur noch im Mittelfeld wieder. Dazu kommt die ungünstige Altersstruktur der Ärzte und die stagnierende Zahl der Kassenärzte.

Gut zu wissen

Fast 30 Prozent der österreichischen Ärzte sind 55 Jahre oder älter. Sie könnten also in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen.


Außerdem: In Österreich gibt es nur 1,6 Pfleger pro Arzt. Das bedeutet, dass Ärzte viele Aufgaben übernehmen, die anderswo von Pflegern durchgeführt werden. Zum Ärztemangel gesellt sich also ein Pflegermangel. 

Auf dem Land ist all das noch einmal ein schwieriger, denn Arztstellen in Städten sind beliebter als in ländlichen Gebieten. Im schlimmsten Fall kommen dann schon mal 4.500 Einwohner auf einen Arzt wie in Gresten in Niederösterreich zwischen 2016 und 2018. Umgerechnet in unsere Form von oben: Weniger als ein Viertel Arzt auf 1.000 Einwohner.

Videosprechstunde zur Therapie

Je weniger Ärzte es gibt, umso länger sind die Wartezeiten und umso weiter müssen Patienten fahren. Dank Telemedizin können Patienten es vermeiden, bei jedem Wehwehchen die eventuell lange Reise zum Arzt anzutreten, was vor allem für ältere Patienten mit Gehschwierigkeiten von Belang ist. Außerdem ersparen sich Patienten die Zeit im Wartezimmer. 

Besonders nützlich ist Telemedizin, wenn es darum geht, einen Krankheits- oder Therapiefortschritt zu verfolgen. Der Krankheitsverlauf ist meist in die eine oder andere Richtung vorhersehbar und braucht nicht zwingend eine regelmäßige Visite. 

Viel Potenzial, sobald die Daten sicher sind

Der globale Telemedizin-Markt wird laut Marktforschungsunternehmen Brandessence Market Research von 40 Milliarden Dollar (36 Milliarden Euro) im Jahr 2018 auf 148 Milliarden Dollar (ca. 134 Milliarden Euro) im Jahr 2025 anwachsen. Das wäre ein jährliches Wachstum von 20 Prozent!

Eine große Herausforderung: Datenschutz. Schließlich geht es um sensible Patientendaten. Die Telemedizin-Anbieter verweisen auf die Sicherheit der Systeme, mit denen sie arbeiten, doch das wird Kritiker kaum beruhigen – und könnte nicht ausreichen, um Patienten vom Nutzen der Dienste zu überzeugen. 

Deswegen pocht man am  Österreichische Ärztekammertag, wo man im Dezember 2018 eine grundlegend positive Resolution zum Thema Telemedizin erließ, auf ein Register für telemedizinische Anwendungen und ein europäisches Zertifikat, welches Kunden und Ärzten schnell verrät, welche Anbieter mit guten Datenschutz-Standards arbeiten. 

Nach kurzer Tele-Rücksprache mit unserem redaktionsinternen Marktguru sind wir optimistisch: Wenn Telemedizin die hohen Standards für Datenschutz nachhaltig erfüllt und das Angebot in der Bevölkerung stärker bekannt wird, hat es das Potenzial, den Gesundheitssektor zu entlasten.  

Kontakt