Trennung erwünscht

Im Home Office Berufliches und Privates zu trennen, ist ebenso wichtig wie schwierig. Wir haben Psychologen Bardia Monshi um Tipps gebeten.

frau trennt am schreibtisch mit ihrer hand berufliche von privaten dingen
(c) UNIQA | Melina Kutelas

Ein alter Witz lautet: „Ich bin selbstständig heißt, ich arbeite selbst und das ständig.“ Wer seine eigene Unternehmerin oder sein eigener Boss ist, kennt dieses Thema – häufig aus leidvoller Erfahrung. Denn wenn der Schreibtisch nicht im Büro steht, sondern nur nebenan im Wohnzimmer, ist man versucht „mal eben noch die Buchhaltung zu machen“ oder „nur noch diese paar Mails zu beantworten“, auch wenn das 9-to-5-Zeitfenster längst geschlossen oder sowieso Wochenende ist.

So wird die Selbstständigkeit unversehens zur Selbstausbeutung mit Folgen für die Gesundheit – angefangen von Erschöpfung und Stresssyndromen bis hin zu körperlichen Symptomen wie Rücken- oder Kopfschmerzen durch überlanges Sitzen.

Work-Life-Dance

Wie die Theorie aussieht, weiß Psychologe Bardia Monshi: „Im Grunde liegt es ja auf der Hand, wie man Privates und Berufliches gut trennen kann: Einfach Zeiten und Orte festlegen und sich strikt daranhalten, wann Arbeit und wann Privates dran ist.“ Doch er räumt ein, dass Theorie und Praxis meist zwei Paar Schuhe sind: „In Wirklichkeit ist das aber nicht so einfach. Die Kinder platzen ins Home-Office, der Chef oder die Chefin ruft ins Abendessen rein. Dann heißt es ständig abwägen, wer den Vorrang verdient.“

Für die ausgewogene Balance von beidem hat er einen innovativen Vorschlag: „Eigentlich ist die Vermischung von Privatem und Beruflichem nicht so problematisch, solange jeder Bereich genügend Zeit und Raum erhält. Dann wird das Ganze eben keine Balance mit einer perfekten stabilen Mitte, sondern ein Work-Life-Dance.

Problematisch wird es erst, wenn man statt von einer Welt in die andere zu tanzen nur noch hin und hergerissen wird. Wenn aus dem Tanz eine Schlammschlacht wird, dann müssen die Bereiche tatsächlich fein säuberlich getrennt werden. Dann gilt: Klare Zeiten definieren, Räume festlegen, die Arbeitsmaterialien an einem Ort lassen, statt dem Nachhauseweg ein Ritual finden, dass einem das Ende des Arbeitstages anzeigt, vielleicht ein kleiner Spaziergang.“

Je nach Typ tut man sich natürlich leichter oder schwerer mit diesem Modell. Bardia Monshi: „Für die Menschen, die zur Schlammschlacht neigen, ist es wichtig, diese Trennung ganz strikt einzuhalten, weil sie sonst im Privaten an die Arbeit denken und in der Arbeit ans Private. Für die Work-Life-TänzerInnen unter uns gilt, wenn genügend Ruhe zwischen den Lebensbereichen vorhanden oder eingekehrt ist, dann kann man die Bereiche ja wieder miteinander tanzen lassen.“

Trennungstipps

  • Eigener Raum: Ideal ist es natürlich, als Homeoffice einen eigenen Raum zur Verfügung zu haben. Geht dies nicht, sollten die Arbeitsutensilien (Laptop, Ordner…) in einem klar definierten Bereich verbleiben. Schließlich heißt es nicht umsonst: Aus den Augen, aus dem Sinn.
  • Eigene Zeit: „Nur noch gschwind“ und „mal eben zwischendurch“ sind Killerphrasen für die Work-Life-Balance, bedeutet es doch, die Freizeit mit Arbeit „anzupatzen“, und jeder weiß, dass kaum etwas „gschwind“ oder „zwischendurch“ erledigt ist. Schließlich braucht es Zeit, um sich mental auf die Materie einzustellen und um danach wieder in den Freizeit-Modus umzuschalten.
  • Eigene Kommunikation: Gewöhnen Sie sich an, Ihre privaten Mails nicht über Ihren Geschäftsaccount laufen zu lassen. Dadurch steigt die Gefahr, auch in der Freizeit, Mails abzurufen und dann „nur mal eben“…
  • Eigene Rituale: Vielen sind sie nicht bewusst, aber jeder von uns hat Rituale, die den Berufsalltag vom privaten Alltag unterscheiden. Vielleicht holen Sie sich in der Mittagspause einen Smoothie aus der Kantine, der Heimweg durch den Park macht Ihnen den Kopf klar oder Sie springen als erstes unter die Dusche, wenn Sie abends nach Hause kommen. Setzen Sie auch im Homeoffice solche Rituale bewusst ein, um Ihrem Geist zu signalisieren, wann welcher Modus dran ist. Das macht die Trennung der beiden Lebenswelten leichter.



Zur Person: 
Dr. Mag. Bardia Monshi ist Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Vitalpsychologie und Eigentümer der APP eleMenta. Seit 1999 ist er als Psychologe, hypnosystemischer Coach, Trainer und Speaker tätig. Er und sein Team begleiten im Rahmen der Arbeits- & Organisationspsychologie in D-A-CH Menschen und Organisationen in der Entwicklung ihrer mentalen, sozialen und organisationalen Vitalität.