Stichwort Testosteron: Wenn Männer in den Wechsel kommen

Das Hormon, das von den Hoden des Mannes produziert wird, steht im Ruf, ein Allroundtalent in Sachen Männlichkeit zu sein. Alle wollen es haben – und machen es dabei für viel mehr verantwortlich, als es tatsächlich ist…

mann in pullover im morgengrauen
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Testosteron schenkt den Männern ihre Männlichkeit. Es sorgt für die Bildung ihrer Geschlechtsorgane, gibt ihnen eine sonore, tiefe Stimme und lässt Muskulatur und Körperbehaarung wachsen. Sogar die Knochen macht es stark. Gemeinhin wird es als jenes Hormon beschrieben, das für die „typisch männlich“ wirkenden Eigenschaften zuständig ist: Je höher der Testosteronspiegel, um so kämpferischer, risikofreudiger, ja sogar aggressiver der von ihm gesteuerte Mann, heißt es. Manche glauben sogar, dass die sogenannten „Testosteronbomber“ bei Frauen besser ankommen und tougher im Job sind. Stimmt das? „Was die Auswirkungen auf Handlungsweisen, Eigenschaften und Psyche betrifft, streiten sich die Wissenschaftler. Keine Studie beweist jedoch, dass Erfolg und hohes Testosteron zusammenhängen“, weiß Matthias Waldert, Facharzt für Urologie und Andrologie in Wien. Hormone und ihr Zusammenspiel sind kompliziert.

Auch Männer kommen in den Wechsel

„Gesichert ist, dass ein zu niedriger Spiegel im Blut antriebsvermindernd wirken kann. Die Libido sinkt, die Stimmung kann schwanken – das geht in dieser sogenannten Andropause des Mannes bis hin zur Depression“, weiß Waldert.

Den Peak des Männlichkeitshormon hat man zwischen 20 und 40 Jahren. Danach sinkt der Wert im Blut um ein bis zwei Prozent pro Jahr. Waldert: „Das kann sich auch darin äußern, dass die gewohnte morgendliche Erektion ausbleibt – oder überhaupt Erektionsstörungen auftreten.“ Für die meisten Männer sei das dann der Anlass, ihren Testosteronspiegel testen zu lassen.

Der Androloge plädiert dafür, auch bei anderen, oft als altersbedingt abgetanen Beschwerden an das schwindende Testosteron zu denken: „10 bis 20 Prozent aller Männer ab etwa 55 bis 60 haben diese männlichen Wechselbeschwerden.“

Cremen oder Spritzen gefällig?

Und das müsse nicht sein. Sollte das Männlichkeitshormon unter einen bestimmten Wert sinken, lässt es sich mittlerweile gut substituieren. „Man kann zwischen Cremen und Injektionen wählen – aber nur unter kontrolliert, medizinischer Aufsicht. Wer es übertreibt, läuft Gefahr, den Östrogenspiegel zu heben, was für einen Mann eher kontraproduktiv ist“, Letztendlich, so der Mediziner, könne es dazu führen, dass sich etwa die Brust vergrößert oder der Mann unfruchtbar wird.

Dennoch: Wer sein Testosteron zumindest stabil hält, kann wieder zu neuer Kraft und neuem Saft kommen. Und auch der Fettstoffwechsel wird vom Männerhormon geregelt. Je mehr man davon noch hat, umso schlanker bleibt man also.

Je gesünder, umso männlicher

Wie so oft im Leben ist auch in Sachen Männlichkeit ein gesunder Lebensstil von Vorteil. Dazu Waldert: „Wer sich nach der mediterranen Kost ernährt, viel Sport betreibt und auf ein stressreduziertes Leben achtet, stärkt die Testosteronproduktion ganz natürlich.“
Ein echter Gewinner wäre man laut Waldert aber rein durch einen hohen Testosteronspiegel nicht. Da müsse man noch das eine oder andere Schäuflein drauflegen …

Zur Person
Priv.-Doz. Dr. Matthias Waldert, FEBU ordiniert in Wien.