Gedächtnisübungen: Bewegung macht schlau

Bewegung und Gehirnleistung stehen in enger Wechselwirkung. Wer sich gezielt bewegt, steigert Lernvermögen und Gedächtnis. 

frau lernt aus buch
© UNIQA | Melina Kutelas

2007 machte die dänische Forscherin Bente Klarlund Petersen von der Universität Kopenhagen eine faszinierende Entdeckung. Sie fand heraus, dass Muskeln bei Bewegung hormonähnliche Botenstoffe produzieren, sogenannte Myokine. Ihre Wirkweise ist noch nicht ganz entschlüsselt. Fest steht jedoch, dass sie den Stoffwechsel positiv beeinflussen und entzündungshemmend wirken. Ein ganz besonderes Myokin ist BDNF (Brain-derived neurotrophic factor). Es besitzt die Fähigkeit, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und das Gehirn anzuregen, neue Zellen zu bilden. Vor allem im Hippocampus, der für Konzentration und Erinnerung zuständig ist. So kann durch körperliche Bewegung das Lernvermögen verbessert werden – und das bis ins hohe Alter.  

Den Denkmuskel trainieren

Wie eng das Zusammenspiel von Bewegung und Gehirnleistung ist, weiß auch Direktor Werner Schwarz vom Sportgymnasium Zehnergasse in Wiener Neustadt: „Die beiden stehen in enger Wechselwirkung. Wenn wir uns bewegen, braucht es einen hochkomplexen Steuermechanismus, der alles, was wir dabei sehen, hören, fühlen und wahrnehmen,  verarbeitet und unsere über 650 Muskeln steuert. Das heißt, Bewegung fordert auch unser Gehirn in höchstem Maße.“ Diese Forderung bedeutet, dass im Gehirn zahllose Netzwerke aktiviert und ihre Neuronen verbunden werden, gleichzeitig werden sie gestärkt, was wiederum der Gehirnleistung generell zugutekommt.

„Dasselbe Prinzip ist es, wenn man Kniebeugen macht. Man trainiert mit Kniebeugen die Oberschenkelmuskeln. Steigt man dann eine Treppe hinauf, profitiert man von den trainierten Muskeln. Trainieren wir unsere Netzwerke für Aufmerksamkeit und Konzentration, nützt uns das nicht nur beim Lernen und Arbeiten, sondern auch wenn wir zum Beispiel im Straßenverkehr einem anderen Auto ausweichen müssen. Das Gehirn arbeitet nicht spezifiziert. Trainieren wir es, nützt uns das in jeder Lebenssituation. Auch hier gilt der Satz use it or lose it. Wenn wir unsere geistigen Fähigkeiten nicht trainieren, bauen sie ab ... so wie unsere Muskeln. Und das Gehirn ist ja so etwas wie ein Denkmuskel“, erklärt Werner Schwarz.

Raus aus der Bewegungs-Komfortzone

Um diese Theorie in die Praxis umzusetzen, entwickelte er zusammen mit Kollegen im Rahmen des Schulvereins SIMPLY STRONG das Programm Vital4Brain, das im Sportgymnasium Zehnergasse in Wiener Neustadt seit 2012 fixer Bestandteil des Schulalltags ist. In kurzen Einheiten werden die Schüler angeleitet, spezielle Bewegungen, durchzuführen, die Körper und Geist aktivieren, entspannen und zur nächsten Lerneinheit überleiten. Werner Schwarz: „Generell besitzt jede Form von Bewegung positive Effekte auf das Gehirn. Besonders anregend wirken allerdings koordinativ anspruchsvolle und bewegungstechnisch komplexe Bewegungen. Je komplexer die Bewegung ist, desto komplexer sind auch die synaptischen Verbindungen im Gehirn.“

Was kompliziert klingt, lässt sich tatsächlich mühelos in den Alltag integrieren. Kleine Kinder machen es perfekt vor, wenn sie bei einem Spaziergang ein Stück seitwärts oder rückwärts gehen, Hopserschritte machen, ihre Schrittlänge variieren oder jemand anderem anpassen etc. „Sobald man die Bewegungskomfortzone verlässt, fordert man Gehirn und Körper gleichermaßen“, ermutigt Werner Schwarz. 

Gehirntraining für zwischendurch

Tipp 1

Im Sitzen entspannt zurücklehnen und beide Hände heben. Mit den Fingern Zahlen zeigen, allerdings zeigt jede Hand eine andere Zahl, zum Beispiel eine Hand gerade, die andere ungerade Zahlen. 

Oder: Mit den Händen Muster zeichnen (geometrische Formen, Buchstaben). Jede Hand gleichzeitig ein anderes.

Oder: Der kleine Finger der rechten Hand berührt die linke Daumenkuppe, der kleine Finger der linken Hand die rechte Daumenkuppe, Position lösen, die Hände gegengleich drehen und die Fingerkuppen wieder aufeinander legen.

  • Tipp 2

    Aufrecht stehen, rechtes Bein heben. Mit diesem Spielbein Figuren in die Luft zeichnen (liegende Achter, Kreise, Buchstaben, Begriffe vorwärts/rückwärts schreiben). Zusätzlich mit der linken Hand andere Formen in die Luft schreiben; zum Beispiel mit dem Bein Zahlen von 0-9 und mit der Hand von 9-0. Dann: Beinwechsel und mit der gegengleichen Hand Muster zeichnen.

    Nicht verzagen!

    Nicht verzagen, wenn’s nicht gleicht klappt. Wie immer gilt: Übung macht den Meister. Je häufiger man übt, desto leichter wird’s!  


    Zur Person:
    Mag. Dr. Werner Schwarz führte erfolgreich zwei österreichische Nationalmannschaften verschiedener Sportarten zu Olympischen Spielen. Er ist Direktor des Sportgymnasiums Zehnergasse in Wiener Neustadt, Lehrbeauftragter am Institut für Sportwissenschaften der Universität Wien und an der FH Wiener Neustadt. 

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