Telemedizin: Plötzlich geht ganz viel

Dr. Andrea Vincenzo Braga, CEO von eedoctors, im Interview.

Patientin konsultiert Ärztin über Videotelefonie
©RESHETNIKOV MIKHAIL- stock.adobe.com

Die Covid-19-Pandemie wird unser aller Leben auch in Zukunft prägen – wirtschaftlich wie sozial, wie wir reisen, miteinander interagieren, arbeiten und denken. Und natürlich wirkt sich das Virus auch langfristig auf den medizinischen Bereich aus, weit über die Infektion mit ihren möglichen fatalen Folgen hinaus. Zum Beispiel durch nicht wahrgenommene Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen und abgesagte Impftermine bei Kindern. Auf der anderen Seite hat – aus der Not heraus – Telemedizin ganz plötzlich Rückenwind bekommen, wie Dr. Andrea Vincenzo Braga, CEO von eedoctors, im Interview erzählt. 

Was hat sich für Sie seit dem Lockdown im März 2020 geändert?

Andrea Braga: Wir verzeichnen bei eedoctors einen immensen Anstieg bei den Telekonsultationen, gerade auch bei Zusatzversicherten und Opting Out-Kunden der UNIQA. Auch über den Ärztechat erreichen uns viele Anfragen, welche teilweise direkt oder bei einer anschließenden Videokonsultation beantwortet werden können. Wir merken, wie Patienten offener werden und das Interesse an unserem Dienst fortlaufend steigt. Zudem fragen Patienten in meiner Praxis in Gießhübl bei Wien nun auch vermehrt telefonisch und über verschiedene digitale Kommunikationskanäle an. Zum Beispiel hat mir ein Patient ein Foto von einer Hautveränderung gemailt und gefragt, ob er da vorbeikommen und das anschauen lassen soll. Das fließt nun in die normale Praxistätigkeit ein. Was auch immer häufiger passiert ist, dass Patienten zum Beispiel Rezeptrepetitionen oder Zuweisungen zunehmend online erfragen. 

Und nicht zuletzt haben Kooperationsprojekte im telemedizinischen Bereich, die bereits in der Planungsphase waren, durch den Lockdown einen starken Antrieb bekommen. Dazu gehört auch die erfolgreiche Kooperation mit UNIQA im Bereich Akut-Versorgt: Die telemedizinischen Konsultationen durch eedoctors werden bereits seit März 2020 durchgeführt und sind nach einer Pilotierungsphase nun im Regelbetrieb angekommen.

Ein weiteres Kooperationsprojekt steht zwischen eedoctors und einer großen Apotheke in den Startlöchern: In der Schweiz haben wir schon vor zwei Jahren begonnen, den Arzt via Video in die Apotheke zu holen. Die Apotheke ist – gerade im ländlichen Bereich – eine Säule der Grundversorgung. Doch Pharmazeuten haben nur beschränkte Möglichkeiten der Diagnose. Und was machen sie, wenn der Kunde in der Apotheke steht und ein Rezept oder eine vertiefende Beurteilung benötigt? Die Apotheker schicken den Kunden zum Hausarzt. Im Projekt geht es darum, die Apotheke als One-Stop-Shop zu etablieren. Der Kunde kommt in diesem Fall in einen Beratungsraum der Apotheke, macht dort eine Telekonsultation, bekommt das Rezept direkt in die Apotheke geschickt und verlässt die Apotheke nach 15 Minuten – und hat alles erledigt. Da hat man alle Ressourcen bestens eingesetzt.

Können Telekonsultationen den Arztbesuch so einfach ersetzen? Wo sind die Grenzen?

Andrea Braga: Laut unserer Call-Statistik bei eedoctors können wir einen sehr großen Teil der Videokonsultationen – 92 Prozent – telemedizinisch abschließen. Da reden wir natürlich nicht von einer komplexen Fraktur oder von einem chirurgischen Problem, sondern von der Grundversorgung und davon, was die meisten Patienten zum Hausarzt führt: In der Winterzeit sind es die klassischen Verkühlungssymptome oder Fragen nach Medikamenten, im Sommer sind die häufigsten Gründe Erbrechen, Durchfall und Insektenstiche. Über Video kann man in vielen Fällen eine Diagnose stellen – mit Unterstützung des Patienten selbst. Man kann ihn etwa anleiten, seine Lymphknoten abzutasten oder seine Temperatur und seinen Blutdruck zu messen. Und daraufhin eine Therapie einleiten, zum Beispiel ein Rezept verschreiben. 

Auch in meinem Spezialgebiet, der konservativen Orthopädie, kann ich sehr viel über Video beurteilen. Aber dort, wo eine Intervention nötig ist – manuelle Medizin wie Akupunktur zum Beispiel – liegen die Grenzen der Telemedizin. 

Um diese Frage abzuschließen: Es wird immer mehr möglich bei Telekonsultationen. Aber am besten ist, wenn telemedizinische Leistungen möglichst gut integriert ins reale Gesundheitsversorgungssystem sind.

Dr. Andrea Vincenzo Braga
Dr. Andrea Vincenzo Braga

Wie wird die Sprechstunde via Telefon oder Video von Ihren Patienten wahrgenommen?

Andrea Braga: Sehr positiv! Wir hören von vielen Patienten, die bei eedoctors zum ersten Mal eine Telekonsultation in Anspruch genommen haben: „Ich habe gar nicht gewusst, dass das so einfach geht und wie praktisch das ist.“ Und was wir bei eedoctors merken ist, dass Patienten, die ursprünglich wegen akuter Beschwerden anrufen, Stammpatienten werden.

Und die Telekonsultation spricht auch alle Altersgruppen an?

Andrea Braga: Ja, das sehen wir durch unsere Monatsstatistiken. Der jüngste eedoctors-Patient war drei Monate alt, die älteste Anruferin 79 Jahre. Und sie hat alles alleine geschafft, ohne die Hilfe der Enkel. Doch die meisten Patienten, die eedoctors nutzen, sind zwischen 18 und 50 Jahren. 

Gibt es bei Ihren Patienten Bedenken bezüglich des Datenschutzes? 

Andrea Braga: Die Wahrung des Datenschutzes erfolgt nach den Vorgaben der DSGVO. Die Daten werden in gesicherten Rechenzentren gespeichert. Die Kommunikation sowie die Datenspeicherung erfolgt verschlüsselt und gewährleistet den Schutz der Patientendaten.

Was ist derzeit die größte Hürde für Ärzte, telemedizinische Konsultationen in Österreich anzubieten?

Andrea Braga: Es gibt zu viele Schnittstellen, unterschiedliche Dateiformate und veraltete Kommunikationsmittel wie zum Beispiel das Fax. Dies alles schafft unnötige Medienbrüche.

Spüren Sie, dass sich hier in Österreich durch die Corona-Krise etwas bewegt?

Andrea Braga: Ich bin Arzt, kein Politiker. Aber der Druck steigt. Und nicht nur durch die Covid-19-Pandemie. Die ärztlichen Ressourcen werden ein imminentes Thema: In vier Jahren gehen über 50 Prozent der Hausärzte in Pension und wir haben jetzt schon an die 200 Kassenstellen in Österreich nicht besetzt. Durch die Digitalisierung könnten bisher ungenutzte Ressourcen aktiviert werden. Ich denke hier an Medizinerinnen, die wir in der Familienphase als kurativ tätige Kolleginnen verlieren. Diese Gruppe könnte ihre Expertise über telemedizinische Dienste auch in Teilzeit einbringen. Genauso pensionierte Ärzte, die noch top fit sind und ihre wertvolle Erfahrung einbringen könnten mit zwei, drei Stunden telemedizinischen Konsultationen pro Tag, ohne eine Praxis betreiben zu müssen. Drittens denke ich auch an viele junge Kollegen, die keine klassische Arzt-Karriere, wie wir sie gemacht haben, anstreben. Die gehen ein Jahr in die USA forschen, machen aber gerne von dort aus Videokonsultationen, um Geld zu verdienen. Oder sie arbeiten ein halbes Jahr Vollgas und gehen das restliche Jahr ihren Interessen und Hobbies nach. Das kann man natürlich in anderen Settings oder mit eigener Praxis nicht.

In einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie sich eine „aktivere Ansprache, vorzugsweise digital oder per Telefon“ wünschen, u.a. eine Erinnerung an eine Vorsorgeuntersuchung, Monitoring bei chronisch Kranken usw. Ist das bald realisierbar?

Andrea Braga: Bei eedoctors wird das bereits umgesetzt. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn wir bei eedoctors ein Rezept ausstellen, dann aktivieren wir gleich mit dem “Medikamentenreminder” die Erinnerungsfunktion. Muss ein Antibiotikum etwa zweimal täglich eingenommen werden, dann bekommt der Patient zweimal am Tag zur richtigen Zeit eine Erinnerungsnachricht aufs Handy, dass es Zeit ist, seine Medikation zu nehmen.

Im Bereich des Managements chronischer Krankheiten gibt es da immens viel Potenzial, über die digitale Ansprache und das Monitoring die Patienten konstant zu motivieren und engmaschiger zu betreuen. Und es geht ja bei den chronischen Krankheiten darum, eine Entwicklung einer Komplikation möglichst schnell zu erkennen und möglichst schnell zu intervenieren. Dann vermeidet man häufig eine Verschlimmerung, die dann zur Hospitalisation oder sogar zum Tod führen kann. Ein klassisches Beispiel sind Patienten mit Herzinsuffizienz: Man braucht als Arzt eigentlich nur Blutdruck und Gewicht im Auge zu behalten, zu schauen, dass sich die Patienten wirklich täglich wiegen. Dann sieht man sofort, ob es zu Wassereinlagerungen kommt, das heißt das Herz ist in diesem Fall überbelastet. Und wenn man früh genug eine Entwässerungstablette gibt und so das System entlastet, muss der Patient im schlimmsten Fall nicht mit einem Lungenödem auf der Intensivstation behandelt und eventuell sogar beatmet werden.

Und nicht zu vergessen: Was seit vielen Jahren ausgezeichnet funktioniert ist auch die psychotherapeutische bzw. psychiatrische Begleitung über die Videotelefonie. Gerade Video erlaubt auch den empathischen Kontakt zum Patienten, auch die Körpersprache wird wahrgenommen. Psychische Erkrankungen sind stark am Zunehmen und können oft nicht ausreichend begleitet werden. Bei einer akuten Depression oder einer anderen psychiatrischen Krise wird der Patient zunächst stationär betreut. Nach der Entlassung aus der Klinik hat er den nächsten Termin beim Psychotherapeuten oft erst Wochen später, weil es früher keinen ambulanten Termin gibt. In dieser Zeit kann der Patient einen Rückfall erleiden und muss schlimmstenfalls wieder stationär behandelt werden. Gerade im poststationären Bereich kann man da unglaublich viel mit Telekonsultation erreichen.


Zur Person:
Dr. Andrea Vincenzo Braga ist Mitgründer und CEO von eedoctors und Facharzt für Chirurgie, Allgemeinmediziner sowie Sportarzt mit Praxis in Gießhübl bei Wien. Er ist zudem Vizepräsident der Telemed Austria und SGTMeH sowie Dozent an der Universität Zürich, Medizinischen Universität Wien sowie der FH St. Pölten.

Über eedoctors:
eedoctors ist die erste virtuelle Arztpraxis aus der Schweiz. Ein erfahrenes Ärzteteam berät Patienten weltweit über das Smartphone. Ohne Wartezeit und ohne Terminvereinbarung, ganz einfach per Knopfdruck. Eine kompetente und transparente Anamnese und Beratung ist online mit einem speziell auf Ferndiagnose geschulten Ärzteteam möglich und bietet so die medizinische Hilfe für zuhause. Nach Abschluss der Onlinekonsultation stehen dem Patienten die Dokumente im persönlichen Patientendossier zur Verfügung.

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